DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung

DIE Zeitschrift 2006/1

Titelblatt der Printausgabe 2006/1

Glück

Macht Bildung glücklich? Wohl kaum zwangsläufig. Bildungsprozesse können aber bei Lernenden wie bei Lehrenden Momente des Wohlbefindens und höchster Zufriedenheit auslösen. Roger Willemsen nennt diese Momente im Interview „epiphanisch”. Nun hat gerade die Erwachsenenbildung auch Glück „im Angebot” – Gründe genug für die DIE-Redaktion, mit dem Marienkäfer-Heft auf die Suche nach unterbelichteten Aspekten des Bildungshandelns zu gehen.

INHALTSVERZEICHNIS
Seite
Vorsätze
3
Magazin
6 Berichte, Veranstaltungen, Neue Bücher, Neue Medien
Thema
24
Stichwort
"Glück"
Oppermann, Detlef
26
Gespräch
Epiphanie des Bildungs-Glücks
Roger Willemsen über durstige Lerner und traurige Weisen
Willemsen, Roger
30 Abstract: Deutsch English
Bildung zum Glück - zum Glück Bildung
Csikszentmihalyi und der optimale Zustand der Erfahrung beim Lernen und Lehren, "Flow"
Bertelsmann, Arndt W.
Der Beitrag referiert zentrale Gedanken des amerikanischen Psychologen Csikszentmihalyi aus dem Buch »FLOW« und spitzt die Aussagen zu auf die Realität von Lernenden und Lehrenden. „Flow” steht für »optimale Erfahrung«. Damit bezeichnet Csik ein Gefühl von Hochstimmung, von tiefer Freude, das lange anhält und sich ereignet, wenn Körper und Seele eines Menschen bis an die Grenzen angespannt sind, in dem freiwilligen Bemühen, etwas Schwieriges und etwas Wertvolles zu erreichen. Bei diesem Zustand herrscht Ordnung im Bewusstsein. Die tritt ein, wenn psychische Energie für realistische Ziele verwendet wird und die Fähigkeiten den Handlungsmöglichkeiten entsprechen.
The contribution reports central thoughts of the American psychologist Csikszentmihalyi from the book ”FLOW”, and it sharpens the statements on the reality of learners and teachers. ”Flow” stands for the ”optimum experience”. Therewith Csikszentmihalyi indicates a feeling of high spirits, of deeply felt joy that lasts long and that occurs when body and soul of a person is strained to limits in the voluntary endeavour to achieve something difficult and something valuable. In this condition, order is established in the consciousness. This eventuates when mental energy is utilised for realistic aims and when the skills match the possibilities of action.
33 Abstract: Deutsch English
"Das hätte ich mich früher nie getraut"
Erfolgreiches Lernen in Lebensgeschichten funktionaler Analphabeten
Tröster, Monika
Die Autorin hat Selbstzeugnisse funktionaler Analphabeten gesammelt und sie auf ihr »Glückspotenzial« hin befragt. Als Quellen dienen drei qualitativ angelegte Untersuchungen aus den 1990er Jahren. Der Beitrag zeigt, dass die Teilnahme an Alphabetisierungskursen durch das Überwinden von Defiziterfahrungen ganz erhebliche Steigerungen des Selbstwertgefühls bewirken kann. Das Erfahren von Aufmerksamkeit und Unterstützung wird als ermutigend erlebt und trägt erheblich dazu bei, für das eigene Leben Verantwortung zu übernehmen.
The author has collected self-reports of functional illiterates and questioned them on their ”joy potential”. Three qualitatively set up analyses of the 1990s serve as sources. The contribution shows that the participation in literacy courses can cause a significant increase of self-confidence by overcoming experiences of deficit. The experience of attention and support is seen as encouraging and it contributes considerably to take over responsibility for one’s own life.
38
Links zum Thema »Glück«
DIE Redaktion
39 Abstract: Deutsch English
Viel Glück, viel Segen, viel Sinn
Erwachsenenbildung in kirchlicher Trägerschaft und die Frage nach gelingendem Leben
Vetter, Martin
Der Beitrag zeigt, dass, warum und auf welche Weise sich Erwachsenenbildung in kirchlicher Trägerschaft mit dem Glück beschäftigt. In der biblischen Tradition kommen zwar Vorstellungen eines erfüllten Lebens vor, doch werden sie stets ergänzt durch die Verheißung kommenden Heils. Von einer Tendenz der Weltflucht jedoch setzt sich die gegenwärtige Beschäftigung mit dem Glück in der Bildungspraxis bewusst und energisch ab. Denn »Glück«, betonen Hirnforschung und Philosophie, sei ohne sinnliche Qualität nicht zu denken. Der Text kommt zum Ergebnis, dass die Suche und die Frage nach Glück in der konfessionellen, hier: protestantischen Bildungsarbeit einen bedeutenden Raum einnimmt. Der gesellschaftliche Auftrag von Erwachsenenbildung in kirchlicher Trägerschaft besteht darin, Räume zu schaffen, in denen Menschen ihre Vorstellungen vom Glück einbringen und im Gespräch mit alten und neuen Glücksvorstellungen kritisch überprüfen können.
The contribution shows that, why, and in which way adult education in clerical sponsorship deals with joy. Though in the biblical tradition, ideas of a fulfilled life occur, they are always completed by the promise of the salvation to come. The present occupation with joy in educational practice consciously and vigorously distances itself from a tendency of fleeing from the world. Because ”joy”, as brain research and philosophy emphasize, is not thinkable without sensual quality. The contribution arrives at the result, that the search and the question of joy takes a significant place in the denominationally, here protestant educational work. The societal task of adult education in clerical sponsorship is to create spaces in which people can bring in their ideas of joy and can critically validate old and new ideas of joy in a conversation.
42 Abstract: Deutsch English
Im philosophischen Café
Glück als Thema der Erwachsenenbildung
Oppermann, Detlef
Ähnlich den literarischen Cafés gibt es das Modell des „philosophischen Cafes”. Es wurde in Frankreich 1992 von M. Sautet erstmals betrieben. Auch in der Erwachsenenbildung wird es inzwischen rezipiert. Es beruht auf der Aussage „Alle Menschen sind Philosophen” und regt zu alltagsphilosophischen Diskussionen an. Am Beispiel des Themas „Glück” skizziert der Autor seine Erfahrungen als Leiter eines solchen Cafés.
Similar to the literary cafés there is the model of ”philosophical cafés”. It first came into being in France in 1992 by M. Sautet. By now it is also recited by adult education. It is based on the statement ”All people are philosophers” and it animates a daily routine of philosophical discussions. With the example of the theme ”joy”, the author sketches his experiences as a manager of such a café.
44 Abstract: Deutsch English
Rückblicke
Plastische Urteile zwischen Moral und Lust
Philosophische Theorien des Glücks
Fuhr, Thomas
In einer kleinen »Philosophiegeschichte des Glücks« spannt der Autor einen Bogen von Aristoteles über Kant zum Utilitarismus. Aristoteles hatte Glück als das gefasst, wo der Mensch zu sich selbst findet. Kant wiederum betont, dass nur der Mensch mit sich zufrieden sein kann, der in Einklang mit seinen moralischen Überzeugungen lebt. Mit den Utilitaristen hält der Autor fest: »Es ist nicht fraglich, ob wir alle nach Glück streben, sondern was Glück ist.« Hier schließt die Aufgabe der (Erwachsenen-)Bildung an: Sie muss die Menschen über die „Auseinandersetzung mit Welt” zu Glücksurteilen erst befähigen. Dass Menschen mit Bildung glücklicher würden, sei damit aber noch nicht ausgemacht.
In a small ”philosophy story of joy”, the author bends a bow from Aristotle across Kant to utilitarianism. Aristotle had defined joy as that, where a person finds himself. Kant on the other hand accents, that a person can only be satisfied with himself who lives in unison with his moral beliefs. With the utilitarian the author retains: ”It is not questionable, whether we are all strive for joy, but what joy is.” Here the task of (adult) education affiliates: It must first enable people to judgements on joy by ”debate with the world”. Yet it is not constituted, that people with education would be happier.
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Blickpunkte Online
"Neustart!"
Glück aus der Sicht von Teilnehmerinnen einer Maßnahme zum Wiedereinstieg in den 1. Arbeitsmarkt
Braun, Beate
Forum
48 Abstract: Deutsch English
Bedarfsgerecht und lernförderlich?
Expertenbefragung: Weiterbildung in der Autobranche
Friebel, Harry; Winter, Renate
Der Beitrag kontrastiert Interviewaussagen von Weiterbildungsmanagern der Automobilindustrie aus den Jahren 1994 und 2004. Die Experteninterviews zeichnen ein ernüchterndes Bild der Realität der betrieblichen Weiterbildung der Branche: Methoden der Bedarfsermittlung und des Bildungscontrollings sind kaum ausgefeilter als vor zehn Jahren; Neuerungen des Betriebsverfassungsgesetzes greifen nicht; Gruppenarbeit und E-Learning sind keine favorisierten Formen mehr. Daher scheint die Weiterbildung der Branche kein »Innovationstreiber« für die berufliche und betriebliche Weiterbildung in Deutschland zu sein.
The contribution contrasts interview statements of further education managers of the car industry from the years 1994 and 2004. The expert interviews draw a sober picture of the reality of operational education in the branch: the methods of determination of requirements and of the educational controlling are barely more elaborated than ten years ago; innovations of the industrial relations law do not grip; group work and e-learning are no longer favoured forms. Therefore the further education of the branch is no ”innovation driver” for vocational and operational education in Germany.
51 Abstract: Deutsch English
Verpufftes Feuerwerk an Ideen?
Was wird aus den Vorschlägen der Expertenkommission Finanzierung Lebenslangen Lernens?
Witthaus, Udo
Im vorliegenden Beitrag wird der Schlussbericht der Expertenkommission Finanzierung Lebenslangen Lernens mit einem Feuerwerk verglichen: Er hat für kurzfristige Begeisterung und Aufmerksamkeit gesorgt. Was ist zu tun, damit die Ideen nicht verpuffen sondern Chancen auf deren Umsetzung erhalten bleiben? Der Autor fordert die Weiterbildungsakteure auf, sich der Argumente des Berichts („öffentliches Interesse”, „mehr Investitionen nötig”, „Nachfragesouveränität erhöhen”) offensiv zu bedienen und in der breiten Bevölkerung für mehr Bildungsinvestitionen und den Nutzen von Bildung zu werben. Denn weder von Unternehmen noch von Politikern sei derzeit zu erwarten, dass sie das Thema aktiv in den Diskurs einbrächten.
In the present contribution the final report of the Expert Commission on Financing Lifelong Learning is compared to a firework: it has provoked a short-term enthusiasm and attention. What is there to do in order not to let the ideas deflagrate but conserve chances for their implementation? The author asks the actors of further education to help oneself offensively with the arguments of the report (”public interest”, ”more investments necessary”, ”increase sovereignty demand”) and to advertise to the broad population for more educational investments and the benefits of education. Because from neither companies nor from politicians one can presently expect that they would introduce the theme actively into the discourse.
Nachwörter