DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung

DIE Zeitschrift 2008/1

Titelblatt der Printausgabe 2008/1

Bildung und Zeit

Gesellschaft und Bildung brauchen einen neuen Umgang mit der Zeit: Obwohl in der beschleunigten Gesellschaft allenthalben Zeitgewinne auf Kommunikations- oder Reisewegen zu verzeichnen sind, ist der subjektiv empfundene Zeitdruck nicht gesunken, im Gegenteil. Das Heft bietet zeittheoretische, bildungstheoretische und didaktische Perspektiven von Hartmut Rosa, Peter Faulstich, Andreas Dörpinghaus, Joachim Hasebrook u. a. Stichworte aus dem Inhalt sind »Effektivität« und »Effizienz«, aber auch »Muße« und »Verzögerung«.

INHALTSVERZEICHNIS
Seite
Vorsätze
3
Magazin
6 Berichte, Veranstaltungen, Neue Bücher, Neue Medien
12
Das Normalarbeitsverhältnis: Sündenbock oder Rettungsring?
Ein »DIE-Forum« zu Teilhabechancen und der Rolle von Weiterbildung
Brandt, Peter
Thema
24
Weiterbildung und Zeit
Brandt, Peter
26
Von der Effizienz zur Effektivität
Im Gespräch mit Joachim Hasebrook
Brandt, Peter
28 Abstract: Deutsch English
Immer mehr verpasste Optionen
Zeitstrukturen in der Beschleunigungsgesellschaft
Rosa, Hartmut
Immer mehr verpasste Optionen. Zeitstrukturen in der Beschleunigungsgesellschaft
Der Autor diagnostiziert eine dreifache Beschleunigungsdynamik unserer Gesellschaft: eine technische Beschleunigung mit der Folge einer »Raumvernichtung«, ein beschleunigter sozialer Wandel, der in eine »Gegenwartsschrumpfung« mündet, sowie – als Resultat aus beidem – eine Beschleunigung in der subjektiven Zeitwahrnehmung. Die Bewegungsgesellschaft erzeuge so einen Druck, möglichst viele Optionen des Lebens zu realisieren. Der Autor zeigt auf, dass nur der Verzicht auf die Optionsausschöpfung eine Steigerung der Lebens- und Erlebnisqualität bewirken kann. Denn prinzipiell werde das Verhältnis von verwirklichten zu verwirklichbaren Optionen immer ungünstiger. Erlebnisse ließen sich aber gerade auch durch Entschleunigung und Verlangsamung intensivieren.
The author diagnoses the dynamics of acceleration in our society in three parts: technological acceleration, which results in a ”destruction of space”, accelerated social change, which leads to a ”shrinkage of the present”, and – as a result of both of these trends – an acceleration in the subjective perception of time. The ”society on the move” creates a pressure to make use of as many options in life as possible. The author shows that only deciding not to exploit all these options can help enhance the quality of life and its experience, as in principle the ratio of options taken to options which could be taken is becoming increasingly negative. But experience can also be intensified, especially by slowing things down and deceleration.
32 Abstract: Deutsch English
Temporalstrukturen "lebenslangen" Lernens
Lebenslängliche Zumutung und lebensentfaltendes Potenzial
Faulstich, Peter
Das Konzept des Lebenslangen Lernens (lifelong learning) prägt das Strukturprinzip neu aus, nach dem Lernen in den Zeitstrukturen der Gesellschaft organisiert ist. Dabei werden lange schulische Verweilzeiten flexibilisiert, kürzere Abschnitte von geordneten Lernzeiten über die gesamte Lebenszeit verteilt und fließendere Übergänge zwischen Arbeiten und Lernen ermöglicht. Das Dreiphasenschema der Erwerbsbiographie von Ausbildung, Einsatz und Ruhestand wird flexibilisiert. Das Konzept LLL kann gelesen werden als Niederschlag ökonomischer Notwendigkeit permanenter Anpassung. Es ermöglicht aber auch neue Gestaltungsmöglichkeiten der eigenen Lebenszeit, Lern- und Berufsbiographie. Um diesen Aspekt auch begrifflich stärker zu machen, plädiert der Autor für die Verwendung des Begriffs »lebensentfaltende Bildung«.
The notion of lifelong learning is reshaping the structural principle according to which learning is organised in the time structures of society. Long periods of time spent in schools are becoming more flexible, with shorter sections of ordered learning times being distributed throughout people’s lives and more flexible transitions taking place between work and learning. The three-phase scheme for working life – training, work and retirement – is becoming more flexible. The LLL concept can be seen to be a reflection of the economic need for permanent adjustment and accommodation. It also creates new possibilities for structuring peoples personal lives over time as well as their learning and vocational biographies. In order to define this aspect more adequately, the author makes a case for coining the term ”life-developing education”.
35 Abstract: Deutsch English
Übersicht und Distanz gewinnen
Zeit als Gegenstand des Lernens
Hribernik, Christiana
Der Beitrag klärt darüber auf, welche Wege Erwachsene einschlagen können, um ein reflexives Verhältnis zur Zeit zu erlernen und es dabei nicht bei einer zweckrationalen Verbesserung ihres Zeitmanagements zu belassen. Zunächst beschreibt sie in Anlehnung an Holzkamp, welcher Art ein solches »Lernen der Zeit« sein müsste, bevor sie aus österreichischer Perspektive geeignete Lernmöglichkeiten benennt, die sie v.a. in Büchern, aber auch in Vortragsveranstaltungen und Aktivitäten einschlägiger Vereine sieht. Schließlich benennt sie auch die Grenzen individueller Befassung mit dem Thema Zeit: Eine echte Veränderung von Handeln und Leben bleibe meistens aus; es überwiege die Sorge, Anschlüsse und Wahlmöglichkeiten im Leben zu verpassen.
This article explains what paths adults can opt for in order to acquire a reflexive understanding of time while not being content with a purely goal-oriented, ”maximising” improvement in time management. Ms. Hribernik adopts Holzkamp’s approach to first of all describe what such ”learning to understand time” needs to involve before then identifying learning possibilities from an Austrian perspective – possibilities which she sees above all in books, but also in lecture events and the activities of associations working in this field. Finally, she also identifies the constraints associated with an individual analysis of this topic: usually there is no real change in behaviour or life. Fear of being left behind and losing options in life tend to hold sway.
38 Abstract: Deutsch English
Mühsam aufgebracht, hart umkämpft
Lernzeiten in individueller Perspektive
Schmidt-Lauff, Sabine
Der Beitrag stellt Ergebnisse eines empirischen Forschungsvorhabens dar, bei dem Weiterbildungsteilnehmende und Beschäftigte nach ihren Lernzeiten befragt wurden. Dabei zeigt sich: (1) Weiterbildung ist in großem Umfang aus privaten Zeitanteilen co-finanziert. (2) Die Individuen zeigen Flexibilität und Engagement in der Realisierung eigene Lern- und Weiterbildungszeiten. (3) Zuordnungen von Zeiten zu »Lernen« und »Arbeiten« sind selbst aus subjektiver Sicht nicht mehr eindeutig vorzunehmen. (4) Rahmungen und neue Formen der Formalisierung werden als hilfreich betrachtet. (5) Lernen wird als abgewertet empfunden, wenn es einer ökonomischen Resultatslogik unterzogen wird. Dies ist Ausdruck davon, dass Arbeiten und Lernen verschiedene Zeitordnungen haben. Umso wichtiger wird es, Zeit als erwachsenenpädagogischen Grundbegriff zu entwickeln.
This article presents the results of an empirical research project in which participants in continuing education and employees were surveyed about their learning times. The survey indicated that (1) continuing education is co-financed on a large scale through the devotion of private time. (2) Individuals show flexibility and commitment in creating their own learning and continuing education times. (3) Times can no longer be clearly assigned to ”learning” and ”working” even from a subjective point of view. (4) Frameworks and new forms of formalisation are viewed as helpful. (5) Learning is perceived as having a lower status when it is seen in terms of its economic results. This is a reflection of the fact that working and learning relate to different time categories. This makes it all the more important to develop time as a basic notice in the area of adult education.
42 Abstract: Deutsch English
Schonräume der Langsamkeit
Grundzüge einer temporalphänomenologischen Erwachsenenpädagogik
Dörpinghaus, Andreas
Erfahrungen brauchen Zeit. Dieser Aspekt rückt ins Zentrum der Betrachtung, wenn Bildungszeit nicht unter dem Gesichtspunkt ihrer Ausnutzung, sondern ihrer Ermöglichung thematisiert wird. Der Beitrag fasst die Bildungszeit Erwachsener als eine qualitative Größe, die inhaltlich gestaltet werden muss. Die Struktur von Bildungszeit wird dabei als Moment der Verzögerung gefasst. Verzögerung wird nicht verstanden als passives Untätigsein, sondern als angestrengtes Tätigsein gegen den Druck der Zeit. Eine temporalphänomenologische Erwachsenenpädagogik hat vor diesem Hintergrund Verzögerungsprozesse zu ermöglichen. Didaktisch gewendet stellt der Autor Praktiken der Verzögerung vor, die er anhand der Punkte Zeitorganisaton, Wiederholungen, Gespräche und Pausen, Kunst, Frage-Antwort-Gefüge und Kultur durchspielt.
Experience cannot be synthesised – it needs time. This aspect moves to the centre of attention when educational training time is not examined from the perspective of its exploitation, but rather in terms of its enablement. This article conceives of adults’ educational time as a qualitative factor whose content requires structuring. The structure of educational training time is at the same time viewed as a deceleration factor. Deceleration is not understood here to mean passive non-activity, but rather a sought-after ”activeness” to oppose the pressure of time. Against this backdrop, a temporal-phenomenological adult education must make deceleration processes possible. Applied didactically, the article presents various practices in deceleration using the examples of time organisation, repetition, discussions and breaks, art, question and answer structures and culture.
46 Abstract: Deutsch English
Kürzer und kompakter
Veränderungen von Zeitstrukturen bei VHS-Veranstaltungen
Ambos, Ingrid; Reichart, Elisabeth
Kürzer und kompakter: Veränderungen von Zeitstrukturen bei VHS-Veranstaltungen
Die Daten der seit 1962 geführten Volkshochschulstatistik zeigen – im historischen Längsschnitt – interessante Ergebnisse zu Zeitformen von Veranstaltungen der von Volkshochschulen vorgehaltenen Erwachsenenbildung: (1) Die insgesamt beobachtbare Zunahme von Weiterbildungsaktivitäten schlägt sich nur bei kursförmigen Angeboten nieder, nicht bei Einzelveranstaltungen. (2) Die durchschnittliche Kursdauer hat in den letzten 20 Jahren um 20 Prozent abgenommen. (3) Bei den Zeitorganisationsformen verliert der einmal wöchentlich stattfindende Abendkurs an Bedeutung. Im Gegenzug sind Zuwächse bei Tagesveranstaltungen und mehrmals wöchentlich stattfindenden Tageskursen zu beobachten. Die Ergebnisse werden nach Themenbereichen differenziert vorgestellt.
Data on adult education centres kept since 1962 shows interesting longitudinal historical results regarding time structures for adult education classes offered at adult education centres: (1) The increase in continuing education activities which can be observed on the whole is only accounted for by course-type classes, not by individual classes. (2) The average course time has decreased by about 20 percent over the last 20 years. (3) With respect to forms of time organisation, the evening course taking place once a week has lost importance. In contrast, classes during the day and courses taking place several times a week have become more prevalent. The results are presented broken down according to topical areas.
Nachwörter