DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung

DIE Zeitschrift 1999/1

"Positionen zur Weiterbildung"

Anmerkungen zum Heftthema (I/99):

Herbert Bohn
Herbert Bohn ist verantwortlicher Redakteur der DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung.

Vier Fragen zur Zukunft der Weiterbildung, zu aktuellen Herausforderungen und notwendigen Veränderungen hat die DIE Redaktion an ausgewählte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Weiterbildung gerichtet. Um den Kontext des Themas und dieser Umfrage zu klären, sollen den Antworten, die wir erhalten haben, unsere Vorüberlegungen innerhalb der DIE Redaktion zu diesem Themenschwerpunkt vorangestellt werden. Sie beziehen sich auf die Auswahl des Themas, den Zeitpunkt unserer Umfrage, den Kreis der Befragten und auf die Fragestellungen.

"Künftige Anforderungen an die Weiterbildung"

Weiterbildung wird in Zukunft immer wichtiger, und zwar sowohl für die einzelnen Menschen als auch für die Gesellschaft insgesamt. Darüber herrscht Konsens - liest man die Stellungnahmen und Manifestationen aus allen politischen Lagern, aus Wirtschaft, Wissenschaft und der Weiterbildung selbst. Auch darüber, daß Veränderungen notwendig und unausweichlich sind, herrscht scheinbar Einigkeit: Nicht nur aufgrund des Konzepts eines lebenslangen Lernens, sondern auch infolge der rasanten technologischen Entwicklung, der Globalisierung und des immensen Qualifikationsbedarfes oder der vielen "Kompetenzen", die erforderlich sind, um mit der Wissensexplosion und dem gleichzeitigen raschen Veralten von Wissen umzugehen.
Nur: Worin werden die konkreten Anforderungen gesehen? In welche Richtung sind Veränderungen aktuell und zukünftig notwendig oder unausweichlich? Wo liegt der größte Innovationsbedarf, wo bestehen die größten Probleme, Innovationen politisch umzusetzen? Sind Innovationen isoliert im Bereich Weiterbildung denkbar und ausreichend, oder sind sie darüber hinaus für den gesamten Bildungsbereich notwendig? Wo liegen harte Konfliktlinien und Unterschiede, wo gibt es Annäherungen der Standpunkte und womöglich Gemeinsamkeiten? Wie unterschiedlich und teilweise auch unübersichtlich die verschiedenen in der deutschen und europäischen Weiterbildungspolitik, in Wirtschaft und Gewerkschaften, in der Wissenschaft und in Verbänden vertretenen Positionen sind, wird in dem voranstehenden Beitrag von Hajo Dröll deutlich.
Zu diesen Fragen erschien es uns lohnenswert, über offizielle Verlautbarungen hinausgehende, persönliche Statements aus unterschiedlichen Perspektiven zu einem Kaleidoskop von Meinungen und Positionen zusammenzutragen, umso mehr, als eine Zusammenschau der verschiedenen Informationen und Stellungnahmen zur Weiterbildung aus Bildungspolitik, Wirtschaft, Wissenschaft und Weiterbildung mit den Blickwinkeln Deutschland und Europa bislang nicht existierte.

Zum Kreis der Befragten und zum Zeitpunkt der Umfrage

Ursprünglich hatte DIE Redaktion die Absicht, einen kleinen Kreis von "Experten" zu einem Heftthema "Zukunftsfähigkeit von Weiterbildung" zu befragen. Sehr schnell wurde klar, wie "politisch" ein solches Thema ist. Aussagen aus Sicht der Wirtschaft sind politische Aussagen, solche aus der Wissenschaft und aus der Weiterbildung ebenso. Umgekehrt berühren Statements von Politikern alle anderen genannten Bereiche. Dies führte im Ergebnis dazu, den Kreis der Befragten eng zu halten, jedoch gezielt ausgewählte Funktions- und Entscheidungsträger und Experten auf allen bildungspolitisch relevanten Ebenen anzusprechen.
Für das Thema "Positionen: Künftige Anforderungen an die Weiterbildung" zum jetzigen Zeitpunkt sprachen aus unserer Sicht vor allem zwei Gründe. Zum einen: Heft I/99 ist die erste Ausgabe der DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung im letzten Jahr dieses Jahrhunderts. Wir wollten wissen: Wie kann und soll Weiterbildung im 21. Jahrhundert gestaltet werden, um zukunftsfähig zu sein? Zum anderen: Wir haben unsere Fragen zu "Positionen zur Weiterbildung" am 16. September 1998 verschickt, also bewußt vor der Bundestagswahl am 27. September. Das barg zwar das Risiko, daß einige Amts- und Mandatsträger/innen in der Bildungspolitik nach der Wahl nicht mehr in gleicher Funktion tätig sind und/oder neue bildungspolitische Fraktionsausschüsse sich noch nicht konstituiert haben. Dennoch wollten wir von allen im Bundestag bisher vertretenen Parteien "Positionen zur Weiterbildung", ohne daß diese noch als Teil des Wahlkampfes gedeutet werden können. Und wir haben sie erhalten: teils von den zuständigen Sprecher/innen, teils auch von Abgeordneten in neuer Funktion. So gibt Edelgard Bulmahn, im alten Bundestag noch bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion und als solche angefragt, ihre Antworten nun als neue Bundesministerin für Bildung und Forschung. Andererseits waren wir auch bei den Adressaten in Wirtschaft und Wissenschaft weniger an "Lager"-Positionen interessiert, also an politischen Statements mit dem Charakter von Resolutionen, als vielmehr an persönlichen und subjektiven Stellungnahmen, die - so hofften wir - je nach Blickwinkel und Perspektive differieren und Kontroversen in der Einschätzung der "Zukunftsfähigkeit" von Weiterbildung nicht verschleiern.

Fragen

Zentrale Anliegen unserer Frageaktion sind Zukunftsfähigkeit und Innovationsbedarf in der Weiterbildung. Dabei geht es um aktuelle Herausforderungen und notwendige Veränderungen. Darin eingeschlossen sehen wir sowohl Veränderungen in der Wahrnehmung und im Lernen durch die rasante technologische Entwicklung neuer Medien, die künftige Entwicklung in der Arbeitswelt und im Berufsleben und die möglichen Veränderungen im kulturellen und sozialen Zusammenleben.
Die DIE Redaktion hat darüber diskutiert, ob diese einzelnen Bereiche explizit in den Fragen thematisiert werden sollten. Wir haben uns dann dazu entschlossen, es den Befragten zu überlassen, welche Schwerpunkte sie jeweils für vordringlich halten und welche Prioritäten sie für die künftige Entwicklung der Weiterbildung setzen.

Die Fragen lauten:

1. Welche zentrale gesellschaftliche Rolle hat Weiterbildung in Deutschland/in Europa in den nächsten zehn Jahren?
2. Wo sehen Sie dabei den größten Innovationsbedarf in der Weiterbildung?
3. Welche Aufgaben hat Weiterbildungspolitik dabei zu übernehmen?
4. Wo sehen Sie die größten Probleme und Engpässe?


Hier die zentralen Aussagen ihrer Antworten. Die vollständigen Stellungnahmen finden Sie in unserer Printausgabe.

Edelgard Bulmahn (SPD), Bundesministerin für Bildung und Forschung:
"Die neue Bundesregierung wird den Ausbau und die Verankerung der Weiterbildung als vierte Säule des Bildungssystems zu einem ihrer zentralen Projekte machen."

Werner Lensing, Berichterstatter der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag für den Bereich Berufliche Bildung:
"Die tatsächlichen Entwicklungen einer hochkomplexen und global vernetzten Industriegesellschaft lassen sich mit staatlicher Planwirtschaft nicht mehr in den Griff bekommen. So sollten wir, statt auf einen kaum genutzten Bildungsurlaub zurückzugreifen oder auf alte bildungsidealistische Grundvorstellungen mit Kursen und Zertifikaten zu setzen, den Ausbau konkreter Lernmöglichkeiten für eine Bildung als lebensbegleitenden Prozeß fördern."

Antje Hermenau, MdB, Bildungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen:
"Immer war es ein größerer Anteil an Frauen, der in einem höheren Maße von einer qualifizierten Aus- und Weiterbildung ausgeschlossen blieb oder in wenig zukunftsträchtigen Berufen ausgebildet wurde. Ähnliches gilt auch für die zugewanderten Menschen."

Dr. Karlheinz Guttmacher, bildungspolitischer Sprecher der F.D.P.-Fraktion im Bundestag:
"Die Weiterbildung kann nur anknüpfen an das, was die vorausgehenden Bildungsträger geleistet haben, oder sie muß reparieren, was dort versäumt wurde. Das Problem der Weiterbildung besteht nicht in ihrer derzeitigen Struktur, sondern vielmehr in den Anfängen des Schulsystems und in der Schulbildung."

Maritta Böttcher, MdB, Bildungspolitische Sprecherin der PDS:
"Öffentliche Weiterbildung muß Teil der kommunalen Daseinsvorsorge bleiben. Staatliche Verantwortung ist dabei nicht gleichbedeutend mit staatlicher Trägerschaft bzw. Verstaatlichung. Um der Tendenz entgegenzuwirken, daß Weiterbildung die selektiven Wirkungen der Erstausbildung verstärkt, ist für ein differenziertes, erschwingliches, erreichbares und zielgruppenorientiertes Angebot zu sorgen."

Ministerialdirigent Dr. Peter Krug, (Leiter der Abteilung Weiterbildung und Pädagogische Dienste im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Weiterbildung Rheinland-Pfalz, Vorsitzender des Ausschusses Fort- und Weiterbildung der Kultusministerkonferenz):
"Die begonnenen Wege der Modernisierung der Weiterbildung in Richtung auf verstärkte Innovation und Flexibilität müssen vorangetrieben werden, auch wenn es zum Teil Widerstände aus verständlichen Bestandsschutzinteressen gibt."

Jochen Dieckmann, Geschäftsführendes Präsidialmitglied des Deutschen Städtetages:
"Weiterbildungskonzepte sollten die durch die neuen Medien verstärkten Möglichkeiten selbstgesteuerten Lernens einbeziehen und unterstützen. Dies bedeutet nicht notwendigerweise die Abkehr von dem traditionell durch die Institutionen vermittelten Lernen. Institutionenvermittelte Bildung und selbstorganisiertes Lernen sollten vielmehr sinnvoll miteinander verknüpft werden."

Dieter Schulte, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes:
"Weiterbildung darf künftig nicht einfach dem Zufall überlassen werden, wie das in der Vergangenheit oft der Fall war. Wir brauchen deshalb eine weiterbildungspolitische Offensive, die allgemeine, berufliche, politische und kulturelle Kompetenzen miteinander verknüpft."

Dr. Eva-Maria Stange, Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Zusammenarbeit mit
Mechthild Bayer, Referentin für Berufliche Bildung und Weiterbildung beim GEW-Hauptvorstand:
"Es ist das Versäumnis der Weiterbildungspolitik der letzten Jahre, daß ein Ausbau der öffentlichen Verantwortung für die Weiterbildung nicht stattgefunden hat. Das Setzen auf den privatwirtschaftlichen Markt alleine beinhaltet die Gefahr von Stagnation und Rückschritt. Gefragt sind neue Politikkonzepte als grundlegende Reform bisherigen politischen Denkens und Handelns."

Hans Peter Stihl, Präsident des Deutschen Industrie- und Handels-Tages (DIHT):
"Die Methoden und Konzepte in der Weiterbildung müssen da innovativ sein, wo sie den Lernprozeß optimieren können. Hier werden neue Lernformen eine immer wichtigere Rolle spielen, indem sie multimediale Lernsoftware und die Möglichkeiten von Telelernen online per Internet sinnvoll integrieren. Aber innovative Lernkonzepte allein sind nicht der Schlüssel zum Erfolg, denn berufliche Weiterbildung ist schließlich keine Einbahnstraße."

Dr. Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände:
"Es ist von entscheidender Bedeutung für eine erfolgreiche Qualifizierungsstrategie der Betriebe, daß der Aus- und Weiterbildungssektor von unsachgemäßen staatlichen Eingriffen frei bleibt."

Dr. Klaus Götz, Leiter "Managementkonzepte" in der Daimler-Benz AG und Gastprofessor an den Universitäten Klagenfurt und Innsbruck:
"Die Erlebnisgesellschaft gerät ins Reifestadium! Die Rolle der Weiterbildung wird wichtiger werden, wenn es ihr gelingt, diesen Wandel zu begleiten."

Prof. Dr. Rita Süssmuth, Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes:
"Die soziale Begründung der Gesellschaftsaufgabe Weiterbildung macht deutlich, daß Weiterbildung nie etwas Isoliertes oder Entbehrliches ist, sondern als Kernaufgabe mitten in die soziale Verantwortung des einzelnen und für den einzelnen hinein gehört."

Prof. Paolo Federighi, Universität Florenz, Präsident des Europäischen Verbandes für Erwachsenenbildung (EAEA):
"Es werden Maßnahmen erforderlich, die sicherstellen, daß nicht nur diejenigen Zugang zu Weiterbildung erhalten, die in der Lage sind, ihren eigenen Bildungsbedarf zu artikulieren, sondern auch diejenigen, die erst noch in diese Lage versetzt werden müssen. In diesem Zusammenhang müssen Standards definiert werden, welche den prozentualen Anteil neuer Zielgruppen festlegen, denen jährlich der Wiedereinstieg in Bildungsmaßnahmen zu ermöglichen ist."

Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie:
"Internet-gestützte Pädagogik; ein starker Kern staatlicher, also nicht von Wirtschaftsinteressen oder unmittelbarer Verwertungsnotwendigkeit geleiteter Erwachsenenbildung."

Prof. Dr. Peter Faulstich, Universität Hamburg:
"Die neoliberale Ideologie hat auf private Konkurrenz gesetzt und Selektivität verstärkt. Wenn Weiterbildung zur Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe wird, müssen die Finanzen sichergestellt werden, um entsprechende Zugänge zu gewährleisten."

Prof. Dr. Wiltrud Gieseke, Humboldt Universität Berlin:
"Es wird davon abhängen, ob die der Gesellschaft den Auftrag bekommt, eine zivilisierte Kultur zu unterstützen, in Weiterbildung von der das Ziel nicht alle Mittel heiligt und Rücksichtslosigkeit nicht mit Selbstbewußtsein und Leistungsverhalten verwechselt wird."

Prof. Dr. Ekkehard Nuissl von Rein, Philipps-Universität Marburg, Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, Frankfurt/M.:
"Gerade die vernetzte Struktur individueller Lernwege, offerierter Angebote, selbstgesteuerten Lernens und medialer Möglichkeiten erfordert es, Modellversuche zu initiieren, neue Lernwege zu evaluieren und bestehende Regelungen, die häufig vom Modell sozial-organisierten Lernens im Frontalunterricht ausgehen, zu reformulieren."