Herbert Bohn
Herbert Bohn ist verantwortlicher Redakteur
der DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung.
Vier Fragen zur Zukunft der Weiterbildung, zu aktuellen Herausforderungen und notwendigen Veränderungen hat die DIE Redaktion an ausgewählte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Weiterbildung gerichtet. Um den Kontext des Themas und dieser Umfrage zu klären, sollen den Antworten, die wir erhalten haben, unsere Vorüberlegungen innerhalb der DIE Redaktion zu diesem Themenschwerpunkt vorangestellt werden. Sie beziehen sich auf die Auswahl des Themas, den Zeitpunkt unserer Umfrage, den Kreis der Befragten und auf die Fragestellungen.
"Künftige Anforderungen an die Weiterbildung"Weiterbildung wird in Zukunft immer wichtiger, und zwar sowohl für die
einzelnen Menschen als auch für die Gesellschaft insgesamt. Darüber herrscht
Konsens - liest man die Stellungnahmen und Manifestationen aus allen politischen
Lagern, aus Wirtschaft, Wissenschaft und der Weiterbildung selbst. Auch
darüber, daß Veränderungen notwendig und unausweichlich sind, herrscht scheinbar
Einigkeit: Nicht nur aufgrund des Konzepts eines lebenslangen Lernens, sondern
auch infolge der rasanten technologischen Entwicklung, der Globalisierung
und des immensen Qualifikationsbedarfes oder der vielen "Kompetenzen",
die erforderlich sind, um mit der Wissensexplosion und dem gleichzeitigen
raschen Veralten von Wissen umzugehen.
Nur: Worin werden die konkreten Anforderungen gesehen? In welche Richtung
sind Veränderungen aktuell und zukünftig notwendig oder unausweichlich?
Wo liegt der größte Innovationsbedarf, wo bestehen die größten Probleme,
Innovationen politisch umzusetzen? Sind Innovationen isoliert im Bereich
Weiterbildung denkbar und ausreichend, oder sind sie darüber hinaus für
den gesamten Bildungsbereich notwendig? Wo liegen harte Konfliktlinien und
Unterschiede, wo gibt es Annäherungen der Standpunkte und womöglich Gemeinsamkeiten?
Wie unterschiedlich und teilweise auch unübersichtlich die verschiedenen
in der deutschen und europäischen Weiterbildungspolitik, in Wirtschaft und
Gewerkschaften, in der Wissenschaft und in Verbänden vertretenen Positionen
sind, wird in dem voranstehenden Beitrag von Hajo Dröll deutlich.
Zu diesen Fragen erschien es uns lohnenswert, über offizielle Verlautbarungen
hinausgehende, persönliche Statements aus unterschiedlichen Perspektiven
zu einem Kaleidoskop von Meinungen und Positionen zusammenzutragen, umso
mehr, als eine Zusammenschau der verschiedenen Informationen und Stellungnahmen
zur Weiterbildung aus Bildungspolitik, Wirtschaft, Wissenschaft und Weiterbildung
mit den Blickwinkeln Deutschland und Europa bislang nicht existierte.
Ursprünglich hatte DIE Redaktion die Absicht, einen kleinen Kreis von "Experten"
zu einem Heftthema "Zukunftsfähigkeit von Weiterbildung" zu befragen.
Sehr schnell wurde klar, wie "politisch" ein solches Thema ist.
Aussagen aus Sicht der Wirtschaft sind politische Aussagen, solche aus der
Wissenschaft und aus der Weiterbildung ebenso. Umgekehrt berühren Statements
von Politikern alle anderen genannten Bereiche. Dies führte im Ergebnis
dazu, den Kreis der Befragten eng zu halten, jedoch gezielt ausgewählte
Funktions- und Entscheidungsträger und Experten auf allen bildungspolitisch
relevanten Ebenen anzusprechen.
Für das Thema "Positionen: Künftige Anforderungen an die Weiterbildung"
zum jetzigen Zeitpunkt sprachen aus unserer Sicht vor allem zwei Gründe.
Zum einen: Heft I/99 ist die erste Ausgabe der DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung
im letzten Jahr dieses Jahrhunderts. Wir wollten wissen: Wie kann und soll
Weiterbildung im 21. Jahrhundert gestaltet werden, um zukunftsfähig zu sein?
Zum anderen: Wir haben unsere Fragen zu "Positionen zur Weiterbildung"
am 16. September 1998 verschickt, also bewußt vor der Bundestagswahl am
27. September. Das barg zwar das Risiko, daß einige Amts- und Mandatsträger/innen
in der Bildungspolitik nach der Wahl nicht mehr in gleicher Funktion tätig
sind und/oder neue bildungspolitische Fraktionsausschüsse sich noch nicht
konstituiert haben. Dennoch wollten wir von allen im Bundestag bisher vertretenen
Parteien "Positionen zur Weiterbildung", ohne daß diese noch als
Teil des Wahlkampfes gedeutet werden können. Und wir haben sie erhalten:
teils von den zuständigen Sprecher/innen, teils auch von Abgeordneten in
neuer Funktion. So gibt Edelgard Bulmahn, im alten Bundestag noch bildungspolitische
Sprecherin der SPD-Fraktion und als solche angefragt, ihre Antworten nun
als neue Bundesministerin für Bildung und Forschung. Andererseits waren
wir auch bei den Adressaten in Wirtschaft und Wissenschaft weniger an "Lager"-Positionen
interessiert, also an politischen Statements mit dem Charakter von Resolutionen,
als vielmehr an persönlichen und subjektiven Stellungnahmen, die - so hofften
wir - je nach Blickwinkel und Perspektive differieren und Kontroversen in
der Einschätzung der "Zukunftsfähigkeit" von Weiterbildung nicht
verschleiern.
Zentrale Anliegen unserer Frageaktion sind Zukunftsfähigkeit und Innovationsbedarf
in der Weiterbildung. Dabei geht es um aktuelle Herausforderungen und notwendige
Veränderungen. Darin eingeschlossen sehen wir sowohl Veränderungen in der
Wahrnehmung und im Lernen durch die rasante technologische Entwicklung neuer
Medien, die künftige Entwicklung in der Arbeitswelt und im Berufsleben und
die möglichen Veränderungen im kulturellen und sozialen Zusammenleben.
Die DIE Redaktion hat darüber diskutiert, ob diese einzelnen Bereiche explizit
in den Fragen thematisiert werden sollten. Wir haben uns dann dazu entschlossen,
es den Befragten zu überlassen, welche Schwerpunkte sie jeweils für vordringlich
halten und welche Prioritäten sie für die künftige Entwicklung der Weiterbildung
setzen.
Die Fragen lauten:
1. Welche zentrale gesellschaftliche Rolle hat Weiterbildung in Deutschland/in
Europa in den nächsten zehn Jahren?
2. Wo sehen Sie dabei den größten Innovationsbedarf in der Weiterbildung?
3. Welche Aufgaben hat Weiterbildungspolitik dabei zu übernehmen?
4. Wo sehen Sie die größten Probleme und Engpässe?
Hier die zentralen Aussagen ihrer Antworten. Die vollständigen Stellungnahmen finden Sie in unserer Printausgabe.
Edelgard Bulmahn (SPD), Bundesministerin für Bildung und
Forschung:
"Die neue Bundesregierung wird den Ausbau und die Verankerung der Weiterbildung
als vierte Säule des Bildungssystems zu einem ihrer zentralen Projekte machen."
Werner Lensing, Berichterstatter der CDU/CSU-Fraktion
im Bundestag für den Bereich Berufliche Bildung:
"Die tatsächlichen Entwicklungen einer hochkomplexen und global vernetzten
Industriegesellschaft lassen sich mit staatlicher Planwirtschaft nicht mehr
in den Griff bekommen. So sollten wir, statt auf einen kaum genutzten Bildungsurlaub
zurückzugreifen oder auf alte bildungsidealistische Grundvorstellungen mit
Kursen und Zertifikaten zu setzen, den Ausbau konkreter Lernmöglichkeiten
für eine Bildung als lebensbegleitenden Prozeß fördern."
Antje Hermenau, MdB, Bildungspolitische Sprecherin der
Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen:
"Immer war es ein größerer Anteil an Frauen, der in einem höheren Maße
von einer qualifizierten Aus- und Weiterbildung ausgeschlossen blieb oder
in wenig zukunftsträchtigen Berufen ausgebildet wurde. Ähnliches gilt auch
für die zugewanderten Menschen."
Dr. Karlheinz Guttmacher, bildungspolitischer Sprecher
der F.D.P.-Fraktion im Bundestag:
"Die Weiterbildung kann nur anknüpfen an das, was die vorausgehenden
Bildungsträger geleistet haben, oder sie muß reparieren, was dort versäumt
wurde. Das Problem der Weiterbildung besteht nicht in ihrer derzeitigen
Struktur, sondern vielmehr in den Anfängen des Schulsystems und in der Schulbildung."
Maritta Böttcher, MdB, Bildungspolitische Sprecherin der
PDS:
"Öffentliche Weiterbildung muß Teil der kommunalen Daseinsvorsorge
bleiben. Staatliche Verantwortung ist dabei nicht gleichbedeutend mit staatlicher
Trägerschaft bzw. Verstaatlichung. Um der Tendenz entgegenzuwirken, daß
Weiterbildung die selektiven Wirkungen der Erstausbildung verstärkt, ist
für ein differenziertes, erschwingliches, erreichbares und zielgruppenorientiertes
Angebot zu sorgen."
Ministerialdirigent Dr. Peter Krug, (Leiter der Abteilung
Weiterbildung und Pädagogische Dienste im Ministerium für Bildung, Wissenschaft
und Weiterbildung Rheinland-Pfalz, Vorsitzender des Ausschusses Fort- und
Weiterbildung der Kultusministerkonferenz):
"Die begonnenen Wege der Modernisierung der Weiterbildung in Richtung
auf verstärkte Innovation und Flexibilität müssen vorangetrieben werden,
auch wenn es zum Teil Widerstände aus verständlichen Bestandsschutzinteressen
gibt."
Jochen Dieckmann, Geschäftsführendes Präsidialmitglied
des Deutschen Städtetages:
"Weiterbildungskonzepte sollten die durch die neuen Medien verstärkten
Möglichkeiten selbstgesteuerten Lernens einbeziehen und unterstützen. Dies
bedeutet nicht notwendigerweise die Abkehr von dem traditionell durch die
Institutionen vermittelten Lernen. Institutionenvermittelte Bildung und
selbstorganisiertes Lernen sollten vielmehr sinnvoll miteinander verknüpft
werden."
Dieter Schulte, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes:
"Weiterbildung darf künftig nicht einfach dem Zufall überlassen werden,
wie das in der Vergangenheit oft der Fall war. Wir brauchen deshalb eine
weiterbildungspolitische Offensive, die allgemeine, berufliche, politische
und kulturelle Kompetenzen miteinander verknüpft."
Dr. Eva-Maria Stange, Bundesvorsitzende der Gewerkschaft
Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Zusammenarbeit mit
Mechthild Bayer, Referentin für Berufliche Bildung und Weiterbildung beim
GEW-Hauptvorstand:
"Es ist das Versäumnis der Weiterbildungspolitik der letzten Jahre,
daß ein Ausbau der öffentlichen Verantwortung für die Weiterbildung nicht
stattgefunden hat. Das Setzen auf den privatwirtschaftlichen Markt alleine
beinhaltet die Gefahr von Stagnation und Rückschritt. Gefragt sind neue
Politikkonzepte als grundlegende Reform bisherigen politischen Denkens und
Handelns."
Hans Peter Stihl, Präsident des Deutschen Industrie- und
Handels-Tages (DIHT):
"Die Methoden und Konzepte in der Weiterbildung müssen da innovativ
sein, wo sie den Lernprozeß optimieren können. Hier werden neue Lernformen
eine immer wichtigere Rolle spielen, indem sie multimediale Lernsoftware
und die Möglichkeiten von Telelernen online per Internet sinnvoll integrieren.
Aber innovative Lernkonzepte allein sind nicht der Schlüssel zum Erfolg,
denn berufliche Weiterbildung ist schließlich keine Einbahnstraße."
Dr. Dieter Hundt, Präsident der Bundesvereinigung der
Deutschen Arbeitgeberverbände:
"Es ist von entscheidender Bedeutung für eine erfolgreiche Qualifizierungsstrategie
der Betriebe, daß der Aus- und Weiterbildungssektor von unsachgemäßen staatlichen
Eingriffen frei bleibt."
Dr. Klaus Götz, Leiter "Managementkonzepte"
in der Daimler-Benz AG und Gastprofessor an den Universitäten Klagenfurt
und Innsbruck:
"Die Erlebnisgesellschaft gerät ins Reifestadium! Die Rolle der Weiterbildung
wird wichtiger werden, wenn es ihr gelingt, diesen Wandel zu begleiten."
Prof. Dr. Rita Süssmuth, Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes:
"Die soziale Begründung der Gesellschaftsaufgabe Weiterbildung macht
deutlich, daß Weiterbildung nie etwas Isoliertes oder Entbehrliches ist,
sondern als Kernaufgabe mitten in die soziale Verantwortung des einzelnen
und für den einzelnen hinein gehört."
Prof. Paolo Federighi, Universität Florenz, Präsident
des Europäischen Verbandes für Erwachsenenbildung (EAEA):
"Es werden Maßnahmen erforderlich, die sicherstellen, daß nicht nur
diejenigen Zugang zu Weiterbildung erhalten, die in der Lage sind, ihren
eigenen Bildungsbedarf zu artikulieren, sondern auch diejenigen, die erst
noch in diese Lage versetzt werden müssen. In diesem Zusammenhang müssen
Standards definiert werden, welche den prozentualen Anteil neuer Zielgruppen
festlegen, denen jährlich der Wiedereinstieg in Bildungsmaßnahmen zu ermöglichen
ist."
Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Präsident des Wuppertal
Instituts für Klima, Umwelt, Energie:
"Internet-gestützte Pädagogik; ein starker Kern staatlicher, also nicht
von Wirtschaftsinteressen oder unmittelbarer Verwertungsnotwendigkeit geleiteter
Erwachsenenbildung."
Prof. Dr. Peter Faulstich, Universität Hamburg:
"Die neoliberale Ideologie hat auf private Konkurrenz gesetzt und Selektivität
verstärkt. Wenn Weiterbildung zur Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe
wird, müssen die Finanzen sichergestellt werden, um entsprechende Zugänge
zu gewährleisten."
Prof. Dr. Wiltrud Gieseke, Humboldt Universität Berlin:
"Es wird davon abhängen, ob die der Gesellschaft den Auftrag bekommt,
eine zivilisierte Kultur zu unterstützen, in Weiterbildung von der das Ziel
nicht alle Mittel heiligt und Rücksichtslosigkeit nicht mit Selbstbewußtsein
und Leistungsverhalten verwechselt wird."
Prof. Dr. Ekkehard Nuissl von Rein, Philipps-Universität
Marburg, Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, Frankfurt/M.:
"Gerade die vernetzte Struktur individueller Lernwege, offerierter
Angebote, selbstgesteuerten Lernens und medialer Möglichkeiten erfordert
es, Modellversuche zu initiieren, neue Lernwege zu evaluieren und bestehende
Regelungen, die häufig vom Modell sozial-organisierten Lernens im Frontalunterricht
ausgehen, zu reformulieren."