DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung

(An-)Fragen an Paul Bélanger und seine Qualifizierung des Lernens als »intimate«

Auf den »Eigensinn« kommt es an

Prof. Dr. Paul Bélanger, Jahrgang 1939, leitet das Centre interdisciplinaire de recherche/développement sur l‘éducation permanente (CIRDEP) an der Université du Québec à Montréal (UQAM). Zuvor war er Direktor des UNESCO Institute for Education in Hamburg (1989 bis 2000). Bélanger ist bekannt als Präsident des International Council of Adult Education (ICAE). 2008 war er Gastprofessor an der Universität Duisburg-Essen und hat dort eine internationale Konferenz der Idee der »Intimacy of lifelong learning: a social issue« gewidmet. Einige Beiträge der Konferenz erscheinen in überarbeiteter Fassung als Schwerpunktbeiträge dieses Hefts. Für das »Gespräch« hat sich Bélanger (P.B.) den Fragen der DIE-Redaktion gestellt [Interview und Übersetzung: Dr. Peter Brandt (DIE)].

DIE: Herr Bélanger, Ihr Konzept von »Intimacy« ist ein interessanter Beitrag für den deutschen Diskurs zum lebenslangen Lernen. Wie verhält sich das Konzept zu den Arbeiten von Holzapfel, Arnold oder Gieseke, die unlängst zur emotionalen Perspektive des Lernens veröffentlichten?

P.B.: Das Konzept »Intimacy of lifelong learning: a social issue« ist der Wiederentdeckung der Emotionalität in der deutschen Debatte durchaus verwandt. Die Autoren, die Sie nennen, beharren auf der Synergie zwischen der kognitiven und der affektiven Dimension des Lernens und auf seinem multidimensionalen Charakter. Der Lerner braucht innere Stärke, um tief verwurzelte Traditionen und Vorwissen anzufragen. Er kann ohne ein gewisses Selbstvertrauen kaum kreativ mit Situationen kognitiver Dissonanz umgehen. Der Aufbau privater und professioneller Identität ist ein kognitiver wie emotionaler Lernprozess.

Allerdings sollte die Analyse meiner Meinung nach tiefer gehen und den Lernprozess als singuläre und fortwährende Selbstkonstruktion fassen, auch wenn er extern ausgelöst und unterstützt wird. Lernen kann nicht lebenslang sein, wenn es nicht auch »lebenstief« (life deep) ist. Lernen muss tief verankert sein in der Erfahrungswelt des Subjekts und im Prozess von dessen kontinuierlicher Umweltaneignung. Für die Autonomieentwicklung des Einzelnen und seine Initiativkraft bedingen sich zwei Faktoren wechselseitig: diese Tiefe wie auch das Beherrschen externen Wissens.

Und beim Lernen entwirft sich die Person schließlich auch selbst. Dieser Aspekt wird oft vergessen: Selbst wenn das Lernen extern mobilisiert ist, konstruieren sich Lerner als gesellschaftliche Subjekte, als Personen, die sich zu aktiver und kreativer Teilhabe an der Gesellschaft ermächtigt fühlen.

DIE: »Lernen« ist eine individuelle und zugleich gesellschaftliche Erfahrung, ist dialektisch. Geht Ihr Begriff »Intimacy« in dieser Hinsicht über die bereits dem Lernbegriff innewohnende Dialektik hinaus?

»Emotion by design«

P.B.: Mein Konzept der »Intimacy of learning: a social issue« geht über die vordergründige Dialektik des Lernens hinaus. Es buchstabiert den subjektiven Pol dieser Dialektik aus. Die Motivation des Lerners und das Maß, wie er sich persönlich einbringt, sind keine unabhängigen Variablen des Lernprozesses oder externe Parameter, die Lernen erleichterten. Nein, sie sind ebenso konstruiert; sie sind »emotion by design« (Neckel). Carl Rogers hat uns vor einiger Zeit daran erinnert, dass es kein signifikantes Lernen ohne das aktive Subjekt gibt, das den Prozess des Lernens »fait sien« durchläuft, angetrieben von seinen kognitiven, conativen und prozeduralen Ressourcen. Die Dynamik von Biographien des lebenslangen Lernens basiert auf der Dialektik zwischen gesellschaftlichen und ökonomischen Notwendigkeiten des Wissenserwerbs und der Kompetenzentwicklung auf der einen Seite und der Chance auf der anderen Seite, sich in diesem »Curriculum« seiner selbst zu bemächtigen, Handlungsautonomie zu gewinnen und Eigenart (idiosyncrasy) zu konstruieren.

DIE: Holzkamp orientiert das Lernen am intimen Subjekt; Mead bezieht sich in seiner Theorie des Lernens durch Interaktion auf eine vertrauliche Beziehung von Lerner und Lehrer; Konstruktivismus kann als eine radikal intime Theorie angesehen werden. Wo platzieren Sie Ihre Idee von »Intimacy« innerhalb dieser Theoriestrukturen?

P.B.: Die verbissene dogmatische Debatte zwischen Kognitivisten und Sozio-Konstruktivisten ist überholt. Bandura, ein Sozio-Kognitivist, hat gezeigt, dass die Einführung der emotionalen Dimension in die Analyse des Lernens durchaus rational ist. Er hat sogar gezeigt, wie wichtig die Integration nichtkognitiver Kompetenzen, wie z.B. Selbstachtung, ist, damit das Subjekt »auto-mobile« sein kann und einen inneren »curiosity drive« entwickelt, der externes Wissen in Beziehung zu alten Lernerfahrungen zu setzen imstande ist. Sein Konzept eines »sense of personal efficacy« beschreibt sehr gut diese multidimensionale Dynamik. Es wäre allzu simpel, Wissenserwerb und Selbstkonstruktion gegeneinander auszuspielen. Der kognitive Prozess und die Architektur unserer Erinnerungen können so persönlich, so intim sein wie die Entwicklung des Selbstvertrauens. Signifikantes Lernen erfordert beides, und die notwendige Bedingung dafür ist die »Intimacy of learning«.

DIE: Wenn in der Diskussion zum lebenslangen Lernen zunehmend das informelle Lernen vorkommt, so sind wir schon ein gutes Stück näher dran an der »inneren Seite des Lernens« als früher, als man ausschließlich an organisierte Bildung dachte.

P.B.: Die Biographieforschung etwa von Dominice oder Alheit hat gezeigt, dass jedes Individuum seinen Lebensweg lang Entwürfen eines noch nicht gelebten Lebens gegenübersteht. Zusätzliche Unsicherheit schaffen unklare Laufbahnentwicklungen und Umfeldveränderungen. Formale Bildungswege sind mehr und mehr diversifiziert, natürlich durch neue Abgrenzungen, aber auch durch die Vermehrung der Möglichkeiten und Lebenswege, die dem Individuum Raum geben, eigene Wege zu beschreiten. Die Wiederentdeckung des informellen Lernens deckt das fortgesetzte innere Lernen der Menschen auf, und die vielfältigen Methoden zur Anerkennung erworbener Kompetenzen geben dem eine äußere Wertschätzung. Nach und nach wird so das ganze Ausmaß des »educational iceberg« (Livingstone) offenbar.

DIE: Was bedeutet das gesellschaftlich, politisch?

P.B.: Die reflexive Moderne erfordert Initiativkraft, aktives bürgerschaftliches Engagement und Handlungsautonomie – in der Gesellschaft wie im Betrieb. Wir müssen das Risiko eingehen, Freiräume zu schaffen für das ganz persönliche, genuine und nachhaltige Lernen aller. Gerade in Betrieben ist dies immer ein schwieriger Aushandlungsprozess. Darauf hat André Schläfli bei unserer Konferenz im Juli hingewiesen. Aber Betriebe erkennen mehr und mehr, dass sie das Risiko eingehen müssen, mehr Raum für Autonomie einzuräumen, wenn sie mit einer reflexiven Arbeitsorganisation erfolgreich sein wollen. Nur so können sie die nötigen Innovationen hervorbringen. Reflexive Teilhabe und die erhoffte Produktivitätssteigerung können nur erreicht werden, wo die Früchte dieser Investitionen geteilt werden.

DIE: »Intimacy« scheint als Begriff gut geeignet, die symbolische Gewalt zu qualifizieren, die mit Exklusion im Bildungsbereich einhergeht. Können wir mit diesem Begriff wirkungsvoller gegen soziale Exklusion Politik machen als mit den bisherigen Mitteln?

P.B.: In der Tat; es gibt diese intime Dimension der Schädigung von Bildungsbiographien. Das Konzept der »Intimacy« verweist auf den inneren Schmerz und die Bedrängnis derer, die der Möglichkeit beraubt werden, ihren eigenen Lernweg fortzuführen. Wichtiger ist dabei noch, das Gefühl verinnerlicht zu haben, dass dies ein persönliches Versagen ist. Konstant niedrige Bildungsteilnahmequoten bei Älteren und die Unfähigkeit, diesen Trend umzukehren, sind stille Repressionen des Lernens. Es frustriert ältere Menschen, dass sie ihrem Leben nicht die innere Qualität geben können, die sie möchten. Weil symbolische Gewalt auf Bildungsbiographien lebenslang wirkt, sind Methoden gefragt, die helfen können, tief eingewurzelte Schädigungen zu heilen.

DIE: Welche Perspektiven und Aufgaben sehen Sie für die Erwachsenenbildung?

P.B.: Traditionell wurde die Erwachsenenbildung häufig in einer Kompensationsfunktion gesehen, als zweite Chance, Bildungslücken der Vergangenheit zu schließen oder Schulabschlüsse nachzuholen. Schließlich kann man nicht 30 Jahre warten, bis eine neue Generation nachgewachsen ist, deren Qualifikationslevel höher ist. Aber das ist nicht alles. Wir konstruieren unsere Identität oder unsere Kapazitäten nicht, um nur einmal in einer frühen Phase unserer Biographie lernend tätig zu sein. Und genauso beteiligen wir uns später nicht an Lernaktivitäten, nur weil der Bildungszug in der Vergangenheit einmal ohne uns abgefahren ist. Wir entwickeln uns, weil dies unser Leben ausmacht. Die Wanderschaft unseres Lebens bietet Kurioses, schafft Möglichkeiten und generiert Anforderungen. Wichtig ist eine Umgebung, die aktiver und reflexiver Lebensführung dienlich ist.

DIE: Können Sie das an einem Beispiel präzisieren?

P.B.: Ich könnte Beispiele aus dem Gesundheitswesen, dem Umweltbereich oder der Politik anbringen, möchte mich aber auf die Wiederentdeckung des Subjekts am Arbeitsplatz beschränken. Sie offenbart sich zum Beispiel in der Suche nach nutzbringender Arbeit, nach einer Tätigkeit, die Sinn stiftet, die Selbstverwirklichung ermöglicht. Ergonomen haben am Beispiel der Arbeiterschaft die Wichtigkeit der subjektiven Dimension für den persönlichen Bedeutungsgewinn durch Arbeit in der Spannung von »echter« und vorgeschriebener Arbeit unterstrichen.

»Selbstwirksamkeit«

Ein Weg zu mehr Sinn bei der Arbeit ist, Beschäftigten Raum für experimentelles Lernen zu geben, solche »autonomen Zonen« (non-saturated skills situations) werden in der post-industriellen Arbeitswelt häufiger. Mehr Selbstwirksamkeit bei der Arbeit wird weder kollektiv noch individuell generiert werden, solange die Wertschätzung der Arbeit nur extrinsisch erfolgt und das aktive und wissende Subjekt nicht anerkannt ist. Arbeitnehmer, die weder Sinn noch Anerkennung bei ihrer Arbeit erfahren, werden von Firmen still und heimlich ausgenutzt, wenn sie ihre Trainings ohne die Erwartungen und Vorerfahrungen der Teilnehmer planen. Die Ingenieure des lebenslangen Lernens können vor dem Schaden, den sie durch derlei Beschädigungen Arbeitnehmern zufügen, nicht ihre Augen verschließen.

DIE: Ich danke Ihnen für das Gespräch!