Stichwort: »Intimacy of learning« – eine gesellschaftliche Herausforderung
Paul Bélanger
Lernen ist eine soziale und zugleich individuelle Erfahrung. Im weitgehend gesellschaftlich determinierten Rahmen, innerhalb dessen der Einzelne an Lernaktivitäten teilhat, sucht der Mensch immer und überall nach Entwicklungsräumen für sich selbst, um seine persönliche Identität auszuformen. Dies gilt paradoxerweise auch, wenn extrinsische Gründe Lernen vorschreiben oder auslösen, Lernen bleibt eine innere, private, intime Erfahrung: die Konstruktion des Selbst oder wenigstens der Versuch einer solchen.
Die gesellschaftliche Anerkennung dieser »Intimacy of learning« reflektiert die umfassenden Transformationsprozesse der Zweiten Moderne, die von Ulrich Beck mit dem Trend zur verstärkten Individualisierung beschrieben werden. Individuen leben und erfahren sich heute in wechselnden Kontexten, in denen sie ihren Lebensplan kontinuierlich (neu) verhandeln müssen, wenn sie ihre Entwicklungsschritte mit steuern wollen. Lebenswege sind von verschiedenen Unsicherheiten durchwebt: von der Pluralität ideologischer Referenzrahmen und wachsenden ökologischen und gesellschaftlichen Risiken.
»Intimität« impliziert den Anspruch auf einen ganz persönlich bedeutsamen Akt, die fortwährende Gestaltung des »Selbst«. Der Begriff meint also eine hochgradig persönliche Bestrebung, unserem Leben Bedeutung zu verleihen und es in Einklang mit unseren Fähigkeiten zu gestalten. Die Erfahrungen der Frauenrechtsbewegung haben uns gelehrt, dass es nicht möglich ist, ein »intimes Leben« zu führen, wenn physische und psychische Gewalt uns bedrohen. Das Gleiche gilt für die »Intimacy of learning«. Folglich erweitert sich der Begriff Lernen damit um die persönliche, die »intime« Dimension: Das Recht zu lernen heißt nicht mehr nur, freien Zugang zu Bildung zu haben, sondern auch das Recht, unserem Leben und Lernen in einem selbst gewählten Sinne Bedeutung zu verleihen.
Die Konsumgüterindustrie hat die Privatsphäre, das »intime Leben«, schon vor längerer Zeit entdeckt. Seitdem wird der sich selbst immer wieder neu entwerfende Mensch von der Werbeindustrie angesprochen, sein Streben nach Entwicklung und Veränderung kommerziell verwertet. Auch die hier gemeinte »Intimacy of learning« reflektiert diese Entstehung der Privatsphäre. Sie instrumentalisiert individuelle Affekte jedoch nicht, sondern spiegelt das Bestreben und den gesellschaftlichen Bedarf für eine stärker von innerem Antrieb geleitete Entwicklung eines jeden »Selbst« in zeitgenössischen reflexiven Gesellschaften.
Das Wissen um die »Intimität« des Lernens verweist auf die in allen Lernanforderungen inhärente Spannung zwischen der funktionalen Anforderung von Organisationen und der Hoffnung des Einzelnen auf Lernerfahrungen, die der Selbstkonstruktion dienlich sind.
Lernen als ein Phänomen mit persönlichem Schutzraum anzuerkennen ist ein soziales Thema, besonders aufgrund der gesellschaftlichen Folgen, die sich ergeben, wenn diese für signifikantes, ermächtigendes und transformatives Lernen so kritische Dimension unberücksichtigt bleibt. Die Uneindeutigkeiten des zeitgenössischen Lebens machen dieses Phänomen zu einem gesellschaftlichen Schlüsselthema. Lernbiographien können nicht von kreativer Entfaltung geprägt sein und reflexiv Handelnde hervorbringen, wenn sie ohne inneren Antrieb sind. Lernen kann somit nicht lebenslang und lebensweit sein, wenn es nicht auch lebenstief ist.
Diese Ausgabe der DIE Zeitschrift zu »Intimacy of learning: a social issue«, ist aus einem internationalen Seminar hervorgegangen, das ich im Juli 2008 im Rahmen des »European Master of Adult Education«-Studiums in Essen gehalten habe. Sie möge ein Beitrag zu der laufenden Debatte über das Wesen und die Richtung des lebenslangen Lernens sein.
Prof. Dr. Paul Bélanger leitet das Centre interdisciplinaire de recherche/développement sur l‘éducation permanente (CIRDEP) an der Université du Québec à Montréal (UQAM).