DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung

DIE Zeitschrift 2010/3

Titelblatt der Printausgabe 2010/3

Kulturelle Herausforderungen

Mit RUHR.2010 stellt Deutschland dieses Jahr die Kulturhauptstadt Europas. In diesem Ereignis gipfelt die über die letzten Jahre wachsende Popularität von Museen und Kulturveranstaltungen. Aber Kultur ist mehr als Kulturbetrieb. Unsere Gesellschaft produziert unter den Einflüssen der Digitalisierung, Individualisierung, Migration und Globalisierung stets neue kulturelle Codes. Beide Phänomene stellen Anforderungen an die Erwachsenenbildung. Unser Land braucht eine kulturell sensible Erwachsenenbildung, die zeitgemäße Angebote für Teilnehmer unterschiedlicher kultureller Prägung schafft, die Ansprechpartnerin für den Kulturbetrieb und in ihrer eigenen Praxis von lebendig-vielfältigen Kulturen geprägt ist.

INHALTSVERZEICHNIS
Seite
Vorsätze
3
Magazin
6 Berichte, Veranstaltungen, Neue Bücher, Neue Medien
Thema
24
RUHR.2010: Ein pädagogisches Projekt
Im Gespräch mit Oliver Scheytt
Brandt, Peter
27 Abstract: Deutsch English
Kulturelle Teilhabe heute und morgen
Gesellschaftliche Herausforderungen der Kulturpolitik
Sievers, Norbert
Aus der Perspektive der Kulturpolitik wird in dem Beitrag zunächst nach empirischen Daten kultureller Teilhabe gefragt. Entgegen dem landläufig gefühlten Anstieg ist empirisch im Blick auf verwendete Zeitbudgets kein signifikantes Wachstum der kulturellen Teilhabe zu belegen, jedenfalls nicht derjenigen Angebote, die dem hier verwendeten engeren Kulturbegriff zugerechnet werden können. Es gibt zwar mehr Besuche (vor allem der großen Kultureinrichtungen und populären Kulturevents), aber nicht unbedingt mehr Besucher. Obwohl sich Voraussetzungen für kulturelle Partizipation in den zurückliegenden Jahren verbessert haben, muss die Kulturpolitik zur Kenntnis nehmen, dass das kulturelle Interesse kein unbegrenzt verfügbares Gut ist, sondern eine knappe Ressource, um die sich viele Anbieter bemühen. Schon jetzt muss sie legitimierend fragen, wie weitere Nachfrage generiert werden kann. Dies muss sie umso dringender im Blick auf den demografischen und sozio-ökonomischen Strukturwandel der nächsten Jahre: Es besteht die Gefahr, dass der Publikumsnachwuchs weg bricht. Neben der Alterung sind ein steigender Migrantenanteil und zunehmende Armut weitere Zukunftsherausforderungen der kulturellen Teilhabe.
The report focuses on empirical data of cultural life from a cultural political perspective. Despite the common experience of growth, a significant increase of cultural life participation cannot be empirically verified with regard to the time budgets applied – at least not of provisions attributed to the narrower definition of culture. There are more visits (especially of large cultural institutions and popular cultural events) but not necessarily more visitors. While the prerequisites for cultural participation have improved over the past years, cultural policy has to acknowledge the definite availability of cultural interest which is a rather scarce resource sought after by many providers. There is already a need for cultural policy to legitimize the issue of generating further demand. This is even more imperative with regard to the demographic and socio-economic structural change over the next years: The inability of generating a new audience is imminent. Ageing as well as an increasing immigrant proportion and growing poverty are additional future challenges for cultural life.
31 Abstract: Deutsch English
Portale zur Kultur
Zur Theorie und Empirie der kulturellen Erwachsenenbildung
Gieseke, Wiltrud
Der vorliegende Beitrag gibt Einblick in den theoretischen und empirischen Ort kultureller Erwachsenenbildung. Diese wird als eine Institution zur Schärfung der Sinne für das Ästhetische gefasst, das – in Anlehnung an Welsch – leicht in das Anästhetische kippen kann, eine Situation aufgehobener Empfindsamkeit. In einem zweiten, empirischen Zugriff wird die gegenwärtige Angebotslandschaft anhand dreier »Partizipations-Portale« systematisiert vorgestellt. Kulturelle Bildungsangebote können dem »systematisch-rezeptiven Typus«, dem »selbsttätig-kreativen« oder dem »verstehend-kommunikativen Typus« zugerechnet werden. Dies hat eine Programmanalyse für deutsch-polnische Grenzregionen und Hauptstädte ergeben. Nachdem institutionelle und regionale Spezifika vorgestellt wurden, schließt der Beitrag mit einer Formulierung von drei Innovationsfeldern kultureller Bildung, die wiederum auch Forschungsperspektiven generieren.
The following report offers an insight on the theoretical and empirical issue of cultural adult education. It is understood as an institution for the refinement of the aesthetic senses which, according to Welsch, can easily become anesthetic – a situation of suspended sensitivity. A second empirical approach presents the current provisions systematized by three ”Portals of Participation”. Cultural educational provisions may be attributed to the ”systematic-receptive type”, the ”independent-creative type” or the ”understanding- communicative type” – a finding revealed by a programme analysis in German-Polish border regions and capitals. After the introduction of institutional and regional specifics, the report concludes by formulating three areas of innovation in cultural education also generating research perspectives.
35 Abstract: Deutsch English
Herausforderung Kultur
Chancen für die Erwachsenenbildung in kommunalen Bildungslandschaften
Fuchs, Max
Der Autor baut mit dem Beitrag eine Brücke zwischen Kultur und Bildung, die er als zwei Seiten einer Medaille fasst. Er geht zunächst aus von der Beobachtung eines gegenwärtig regen Interesses an Kultur. Innerhalb der Kulturpolitik nimmt dabei die kulturelle Bildung eine weithin akzeptierte Zielstellung ein. In einem historischen Abriss macht der Autor deutlich, dass dies nicht zuletzt einem Mangel an Visionen in der Kulturpolitik zuzuschreiben ist. Davon profitieren die Einrichtungen kultureller Bildung, aber auch klassische Erwachsenenbildungseinrichtungen wie die Volkshochschulen. Insbesondere im Rahmen regionaler Bildungsnetzwerke erhalten diese als Koproduzenten kultureller Bildung neue Chancen. Aber es ergeben sich auch Herausforderungen: Die Teilnehmerschaft muss insgesamt ausgebaut werden. Dabei ist die Schwierigkeit zu bedenken, möglichst alle Milieus zu erreichen. Weitere Hindernisse sind ein zu sehr auf berufliche Verwertbarkeit reduziertes Bildungsverständnis, die verschiedenen Habitus der regionalen Akteure sowie die aktuelle krisenhafte Finanzsituation mit den anstehenden Verteilungskämpfen.
The author bridges the gap between culture and education by dealing with two sides of the coin. He initially observes a currently active interest in culture. Cultural education is a generally accepted objective in the field of cultural policy. By using a historical outline, the author illustrates this attribution to a lack of visions in cultural policies. Beneficiaries are institutions for cultural education as well as classical institutions for adult education such as adult education centres. Especially within regional education networks, they are given new chances as co-producers of cultural education. New challenges also arise: overall, participation must be increased with consideration to the difficulties of reaching all social environments. Additional burdens are an educational understanding which is largely reduced to career applicability, the various habits of regional actors as well as the current critical financial situation with upcoming distribution battles.
39 Abstract: Deutsch English
Die Welt als Touchscreen und Fitnessstudio
Kulturelle Inszenierungen von Kommunikation und Körper
Stang, Richard
Anhand von Kommunikation und Körper zeigt der Beitrag aktuelle kulturelle Praxen auf und diskutiert die durch neue Technologien geprägten Optionen, die sich in unserem Alltag eröffnen und durch sehr unterschiedliche Gestaltungen genutzt werden. Es wird gefragt, welche Funktion Weiterbildung in diesem Wandlungsprozess zukommen wird. Der Autor nennt hier Reflexion kultureller Identitätsbildung, Aufbau kultureller Kompetenzen, ganzheitliche, Kopf, Herz und Körper integrierende Konzepte.
Based on communication and body, the report points out modern cultural practices and focuses on options characterised by new technologies which have been established in everyday life and used in various designs. It also discusses the role of continuing education within this process of change. Here, the author refers to the reflection of shaping a cultural identity, the development of cultural competences and holistic approaches – integrating head, heart and body.
43 Abstract: Deutsch English
Kulturbewusstsein und künstlerische Kompetenz
Europäische Schlüsselkompetenzen im Weißbuch der Wiener Volkshochschulen
Brugger, Elisabeth
Die Wiener Volkshochschulen haben ein Rahmencurriculum erstellt, das auf die acht europäischen Schlüsselkompetenzen des Lebenslangen Lernens ausgerichtet ist und nationale und europäische bildungspolitische Strategien wie den Europäischen Qualifikationsrahmen berücksichtigt. Im vorliegenden Beitrag werden die zentralen Elemente des Rahmencurriculums und seiner Nahtstellen zum Nationalen Qualifikationsrahmen am Beispiel des Programmbereichs Kunst und Kultur beschrieben. Kulturbewusstsein und künstlerische Kompetenz als Schlüsselkompetenz beinhalten etwa Rezeption, Produktion, Reflexion und Vermittlung als zentrale Handlungsebenen. In der bewussten Abkehr von normativen Begrifflichkeiten rücken sinnliche Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit, Faszination, Neugierde, Sinnlichkeit, Imagination und Fantasie ins Zentrum eines kulturellen wie künstlerischen Bewusstseins. Der Beitrag gibt anhand längerer Zitate Einblick in die Konzeptionen von Wissen und Können, wie sie im Weißbuch für Kunst und Kultur entworfen sind. Eine umfangreiche Tabelle erschließt Teilkompetenzen und Deskriptoren.
Vienna’s adult education centres have developed a frame curriculum which focuses on the eight European key competences in continuing education with consideration of national and European educational strategies as well as the European Qualification Framework. The report focuses on the frame curriculum’s key elements and its contact points with the National Qualification Framework – taking the programme area of art and culture as an example. Cultural awareness and artistic competence as a key competence contains reception, production, reflection and mediation as central activity level. In contrast to the normative conception, sensual perception and expressiveness, fascination, curiosity, sensuality, imagination and fantasy become the centre of cultural as well as artistic awareness. Based on longer quotes, the report provides an insight to the concepts of knowledge and skills developed by the White Paper for Art and Culture. Subskills and descriptors are developed in a comprehensive chart.
48
Wie viel Kultur verträgt die politische Bildung?
Ein Zwischenruf
Behrens, Heidi
Forum
49 Abstract: Deutsch English
Zertifikate und Schlüsselkompetenzen sichtbar machen.
Weiterbildung im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR)
Sabisch, Werner
Wie können die Leistungen des Weiterbildungsbereichs besser als bisher in den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) einfließen? Aus einer trägerübergreifenden Arbeitsgruppe präsentiert der Autor konkrete Vorschläge: Schlüsselkompetenzen sollen niveaustufen-übergreifend abgebildet werden; in Weiterbildung erworbene formale Qualifikationen können Niveaustufen zugeordnet werden (hier: exemplarisch vollzogen für Niveau 6). Für die Einbeziehung non-formaler und informeller Weiterbildungskompetenzen verweist der Autor auf das Potenzial der EU-Leitlinie zur Validierung.
How can the performances of continuing education become more influential in the German Qualification Framework (DQR)? The author presents concrete recommendations derived from a cross-provider work group: presentation of key competences across all levels; classification of qualifications acquired in continuing education to individual levels (example of level 6). With regard to the inclusion of non-formal and informal competences in continuing education, the author refers to the potential of EU guidelines for validation.
Nachwörter