Erwachsenenlernen in Europa
Ekkehard Nuissl
Prof. Dr. Ekkehard Nuissl ist Professor
für Erwachsenenbildung an der Universität Marburg und Direktor des Deutschen
Instituts für Erwachsenenbildung in Frankfurt/M.
Statt von einer Europäischen Erwachsenenbildung ist heute in der europäischen Bildungspolitik eher von Adult Education and Learning die Rede. Ist es daher besser, von einer lernenden Gesellschaft Europa zu sprechen? Ekkehard Nuissl benennt Gründe für diese Entwicklung und zeigt Trends in der Diskussion um künftige europäische Förder- und Aktionsprogramme auf.
Zweifellos ist Europa eine lernende Gesellschaft, in der unterschiedlichste nationale Teile sich neu aufeinander beziehen, wahrnehmen und begegnen. Das gemeinsame Geld wird dabei nicht nur reales Tauschmittel, sondern auch ein sichtbares Symbol dieses Weges sein; es hat mit Bildung, Lernen und der Entwicklung europäischen Bewußtseins sicher mehr zu tun als so manche Programmatik der europäischen Bürgerschaft.
Eine europäische Erwachsenenbildung gibt es (noch) nicht, dies kann man getrost sagen. Es gibt nicht eine, sondern viele Erwachsenenbildungen in Europa. Europäische Weiterbildung ist daher immer ein Sammelbegriff für unterschiedliche nationale Systeme. Dabei sind auch diese noch einmal differenziert. Dies gilt etwa in Deutschland, wo aufgrund des föderalen Systems die 16 Bundesländer Bildungshoheit haben und gerade in der Erwachsenenbildung durchaus unterschiedliche Strukturen aufweisen. Es gilt aber auch für Belgien mit seinen drei verschiedensprachigen Landesteilen, für das Vereinigte Königreich mit seinen vier Teilstaaten, für Italien mit seinen enormen Unterschieden, etwa zwischen Sizilien und Alto Adige (Südtirol). Dennoch sind die wesentlichen Trennlinien in der europäischen Erwachsenenbildung nach wie vor die Staatsgrenzen, welche unterschiedliche Währungen, Politiken, Kulturen, historische Hintergründe, wirtschaftliche Probleme und Bildungssysteme voneinander sondern. Dies gilt auch dann, wenn beiderseits der Grenzen die gleiche Sprache gesprochen wird etwa zwischen Belgien (Wallonien) und Frankreich oder zwischen Deutschland (Bayern) und Österreich. Erwachsenenbildung/Weiterbildung, dies bestätigt sich allemal wieder, ist nicht nur ein lebendiger, dynamischer und schwer konturierbarer Bereich, sondern und dies hängt damit zusammen aufs engste mit der jeweiligen ökonomischen, sozialen und kulturellen Identität der Gesellschaft verbunden, in der sie praktiziert wird.
Wenn die Erwachsenenbildung in Europa so differenziert und fein säuberlich voneinander gesondert auch unterschiedlich ist, stellt sich natürlich die Frage, warum sie überhaupt unter dem Terminus Europäische Erwachsenenbildung zusammenkommen soll.
Der ursprüngliche Grund dafür ist kein Geheimnis: Es ist der Versuch, die Menschen in Europa dorthin zu bringen, wo der wirtschaftliche Zusammenschluß bereits ist. Es ist also eine Art Indienstnahme von Erwachsenenbildung, um den Vollzug eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses bei den Menschen ankommen zu lassen und für sie akzeptabel zu machen. Überspitzt formuliert ist dies eine ähnliche Indienstnahme von Erwachsenenbildung, wie sie die Alliierten nach dem Zusammenbruch des Faschismus als demokratisch-politische Bildung in Deutschland umsetzten. Entsprechend sind auch die ersten Ziele des neuen Politikfeldes in Europa definiert: Bewußtsein und Annahme einer europäischen Bürgerschaft, Verständnis und Akzeptanz anderer Sprachen und Kulturen, mit denen man aufgrund einer zunehmend gemeinsamen ökonomischen Basis ohnehin unauflösbar verknüpft ist.
Diese ersten Ansätze einer Europäischen Erwachsenenbildung sind jedoch mittlerweile überwunden. Vielleicht deshalb, weil festgestellt wurde, daß sich eine europäische Bürgerschaft in der gedachten Form Information und Werbung nicht würde implementieren lassen. Vor allem aber deshalb, weil die Entwicklung Europas rasch weitergegangen ist. Überall in Europa wird heute mit regional anderen Akzenten über die Notwendigkeit lebenslangen Lernens und den Aufbau einer lernenden Gesellschaft gesprochen. Die Fragen der ersten Stunde nach einem notwendigen Angleichen der Erwachsenenbildungssysteme, nach möglichen Transfers von Angeboten und Strukturen, nach einem europäischen Mehrwert (European added value) treten hinter dieser Generalentwicklung zurück.
Die gemeinsame ökonomische Basis hat auch die Erwachsenenbildung eingeholt. Die vergleichbaren Probleme und Strukturkrisen in den europäischen Staaten ergeben für die unterschiedlichen Systeme der Erwachsenenbildung vergleichbare Inhalte. Lebenslange Qualifizierung, Kampf gegen sozialen Ausschluß, Flexibilität und Mobilität, Erhöhung des Qualifikations- und Kompetenzniveaus und andere, auf gesellschaftlichen Prozessen beruhende Inhalte von Erwachsenenbildung werden europäisiert. Deshalb ist es heute richtiger, von einer lernenden Gesellschaft Europa oder Erwachsenenbildung und Erwachsenenlernen in Europa zu sprechen als von einer europäischen Erwachsenenbildung.
Seit wenigen Jahren erst, seit 1992, dem Jahr der Maastrichter Verträge, sind Bildung und Kultur ein eigenständiges europäisches Politikfeld. Zuvor spielten sie nur eine nachgeordnete Rolle in Programmen für den Arbeitsmarkt, die Wirtschaftsförderung und die Regionalentwicklung. In den Artikeln 126 und 127 des Maastrichter Vertrages wurde eine solide Grundlage für die Entwicklung neuer Strategien der Erwachsenenbildung gelegt, auch wenn die Möglichkeiten des Vertrages bis heute nicht ausgeschöpft worden sind. Im Juni 1993 betonte der Ministerrat für Kultur und Bildung der Europäischen Gemeinschaft das Stichwort des lebenslangen Lernens, in dem die persönliche Kreativität und die immer wiederkehrende Bildung im Lebenslauf hervorgehoben wurden. Das Papier des Ministerrats hatte den Titel Profound Changes in our Education System und formulierte als Prioritäten:
In unmittelbarer Folge auf die Stellungnahme des Ministerrats betonten das Grüne Papier der Roberti-Kommission (1993) die Notwendigkeit, das Bildungsklima zu verbessern und die Rolle der Organisationen zu stärken, und das Weiße Papier der Delors-Kommission (1993) eine engere Verbindung der ökonomischen Entwicklungsstrategien mit den Bildungsstrategien. Damit waren in 1993 die Grundlagen für die europäischen Programme SOKRATES und LEONARDO ebenso geschaffen wie die politischen Grundlagen für die Folge von Weiterbildungskonferenzen in Athen und Dresden (beide 1994), Madrid (1995) und Florenz (1996), welche jeweils die politischen Rahmenbedingungen einer europäischen Erwachsenenbildung formulierten und betonten.
Zusammengefaßt werden Leitlinien der europäischen Politik in der Erwachsenenbildung im Weißbuch Lehren und Lernen. Auf dem Weg zur kognitiven Gesellschaft, das 1995 kurz vor dem Europäischen Jahr des Lebenslangen Lernens veröffentlicht wurde. Wie bei manchen Dokumenten der europäischen Bildungspolitik der letzten Jahre empfiehlt es sich auch hier, den französischen Ursprungstext zu lesen, da Begriffe und Konnotationen in den Übersetzungen (sogar in der englischen) teilweise sinnentstellend sind. So geht es etwa bei der kognitiven Gesellschaft eher um eine lernende, lernfähige und lernbereite Gesellschaft, die es zu erreichen gilt, als um eine Wissensgesellschaft.
Ausgehend von den gesellschaftlichen Megatrends zu einer Informationsgesellschaft, zur Internationalisierung und zur Durchdringung des Alltags- und Berufslebens durch Wissenschaft und Technik konstatiert das Weißbuch einen wachsenden Bedarf nach Wissen und Information, eine wachsende Zahl von Arbeitsplätzen mit höheren Qualifikationsanforderungen, wachsende Schwierigkeiten einer Partizipation auf nationalem und europäischem Niveau und einen wachsenden Bedarf an innovativen und flexiblen Beschäftigten. Als inhaltliche Ziele von Erwachsenenbildung und Bildung werden daher genannt: das Wahrnehmen und Verstehen von Dingen zu erhöhen, Bewußtsein und Kreativität zu verbessern, Urteils- und Entscheidungsfähigkeit zu entwickeln, Basiswissen (Lesen, Schreiben, Rechnen, Fremdsprachen und Umgang mit Medien) zu vertiefen und soziale Fähigkeiten zu unterstützen.
Verbunden mit diesen generellen Lehr- und Lernzielen betont das Weißbuch, daß Bildungseinrichtungen und Beschäftigungsbetriebe enger zusammenarbeiten müssen, daß der traditionelle Grundsatzstreit zwischen beruflicher und allgemeiner Bildung ein Ende habe, daß soziale Ausgrenzung (social exclusion) zu bekämpfen sei und daß zumindest drei Sprachen der Europäischen Gemeinschaft beherrscht werden müssen. Konkrete Aussagen betreffen Maßnahmen zur Erhöhung der Mobilität und Flexibilität, zur Entwicklung eines kompatiblen Zertifikatssystems und zum Austausch und zur Fortbildung von Lehrenden.
Die konkreten Maßnahmen und Aktionen in den Programmen, welche sich auf das Bildungssystem direkt beziehen (insbesondere SOKRATES und LEONARDO) spiegeln diese generellen Richtlinien nur zu einem Teil. Dies mag daran liegen, daß hier Projekte nicht in Auftrag gegeben, sondern Anträge bewilligt wurden, das Setting von Projektaktivitäten daher nicht von oben verordnet, sondern von unten präsentiert wurde. Das Anlegen der bildungspolitischen Eckwerte der Europäischen Kommission an die zu bewilligenden Projekte erwies sich als schwierig nicht zuletzt der sehr heterogenen Abstraktionsebenen wegen. Auch zeigte sich, daß etwa das Prinzip: Es gibt keinen Gegensatz mehr zwischen beruflicher und allgemeiner Bildung von der Europäischen Kommission durch die Differenzierung und unterschiedliche Ausstattung von LEONARDO und SOKRATES selbst unterlaufen wurde.
Dennoch nähert sich in einigen Feldern die konkrete europäische Erwachsenenbildungs-Politik deren programmatischen Zielsetzungen. Auf der Grundlage der bislang laufenden Projekte läßt sich feststellen, daß
Aktuell kreist die Diskussion der europäischen Bildungspolitik und Bildungsadministration
um die Neugestaltung der EU-Programme zu Kultur und Bildung. In bezug auf
Erwachsenenbildung wird dabei insbesondere diskutiert, ob hier eine eigen
ständige Aktion erneuert oder aber Erwachsenenbildung in einen Gesamtbereich
Lebenslanges Lernen integriert werden soll. Je nach der nationalen Struktur
der Erwachsenenbildung und dem intendierten Bezug zum beruflichen Lernen
votieren die Vertreter europäischer Mitgliedsstaaten in dieser Diskussion.
Aus deutscher Sicht ist dabei zu berücksichtigen, daß es in anderen europäischen
Ländern kaum ein so breit entwickeltes öffentlich gefördertes System der
Erwachsenenbildung gibt.
Generell auch von deutscher Seite wird heute stärker die Seite der Lernenden als diejenige der Bildungseinrichtungen und ihrer Angebote betont. Folgerichtig wird nicht mehr nur noch von adult education gesprochen, sondern von der Gesamtsicht adult education and learning. Schwerpunktmäßig bedeutet dies künftig auch in der europäischen Bildungspolitik eine Konzentration auf die Bedarfs- und Nachfrageseite. Entsprechend nähern sich auch die bildungspolitischen Leitlinien in den europäischen Nationalstaaten einander an. Der Aufbau von Support-Strukturen, die Investition in Programme, die Förderung und Finanzierung der Lernenden gewinnen bislang noch in der Diskussion und weniger in der Realität den Vorrang vor institutionellen Fördersystemen und angebotsorientierten Politiken.
Literatur
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Degen, G./Nuissl, E.: Educational leave in Europe. Luxemburg
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Frankfurt/M.: DIE 1997