DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung

DIE Zeitschrift 2002/4

Titelblatt der Printausgabe 2002/4

Zuwanderung

Die bundesdeutsche Debatte um das Zuwanderungsgesetz betrifft die Erwachsenenbildung in mehreren Hinsichten. Ganz konkret bedeuten die Gesetzentwürfe Handlungsbedarf bei der Konzeption und Durchführung von Integrationskursen für Zugewanderte.
Lale Akgün formuliert im Gespräch die Forderung, Kurse müssten neben Sprache auch den „Code der Gesellschaft” erlernbar machen. Zudem ist im Heft der Umgang mit dem Anderen sehr grundsätzlich im Blick: Alheit beschreibt „Fremdheitskonstruktionen” in den Köpfen der Ostdeutschen. Wenn der Theologe Wohlmuth das Konzept eines „gastlichen Subjekts” vorstellt, dann steht dies dazu in großer Spannung. „Interkulturelle Kompetenz” jedenfalls bleibt ein wichtiges Ziel von Weiterbildung.

INHALTSVERZEICHNIS
Seite
Vorsätze
3
Magazin
6 Berichte, Veranstaltungen, Neue Bücher, Neue Medien
Thema
14 Abstract: Deutsch
Gespräch
Den Code der Gesellschaft beherrschen lernen
Gespräch mit Lale Akgün
Akgün, Lale; Brandt, Peter
Dr. Lale Akgün leitet das Landeszentrum für Zuwanderung Nordrhein-Westfalen und war Jurymitglied beim Integrationswettbewerb des Bundespräsidenten. Im Gespräch mit Dr. Peter Brandt spricht sie über das neue Zuwanderungsgesetz und die Frage, was die Ziele von Integration sein sollten. Was kann von Erwachsenenbildung erwartet werden, welche Möglichkeiten professioneller pädagogischer Arbeit gibt es und wo sind ihre Grenzen?
19 Abstract: Deutsch English
Der Andere ist vor mir da!
Wohlmuth, Josef
Der Beitrag leuchtet die klassischen Vorstellungen der Beziehung von „Gastgeber” und „Gast”, vom „Ich” und dem „Anderen” neu aus. Hierzu befragt Wolmuth zwei der wichtigsten Gestalten der zeitgenössischen französischen Philosophie jüdischer Provenienz. Emmanuel Levinas und sein Interpret Jacques Derrida legen eine Philosophie der Gastlichkeit vor, die zu denken und bis hinein in die politischen Konsequenzen verantwortlich zu handeln (auf-) gibt. Da sie fundamental vom Menschen handelt, kann der (erwachsenen-)pädagogische Diskurs hiervon nicht unbeeindruckt bleiben: Niemand lebt zuerst seine Subjektivität aus, um dann zu entscheiden, sich dem Anderen zu öffnen. Vielmehr ist das Ich schon vor aller persönlichen Entscheidung „angesprochen” durch den Anderen.
The essay looks at the classical ideas of the relationship between „host” and „guest”, between the „I” and the „Other” from a new angle. To that end , two of the most important protagonists of contemporary French philosophy of Jewish origin are consulted. Emmanuel Levinas and his interpreter Jacques Derrida present a philosophy of hospitality which makes us think – and demands that we think, and that we act responsibly even into the far thest political consequences. Since their philosophy is fundamentally concerned with the human being, (adult) educational discourse cannot remain unaffected: noone will first act out their subjectivity, and then decide to open up to the Other. The „I”, on the contrary, is affected by the „Other” before any purely personal decision.
22 Abstract: Deutsch English
Ostdeutsche Fremdheitskonstruktionen
Alheit, Peter
Was ist dran am Klischee des fremdenfeindlichen und gewaltbereiten Ostdeutschen? Mehr, als vielen lieb ist: Drei Modernisierungs- und Informalisierungsdefekte machen Abwehrmechanismen des Fremden verständlicher, die in der Ex-DDR-Gesellschaft verbreiteter sind als in Tschechien und Polen:
· eine gewisse „intergenerationale Modernisierungsresistenz”,
· ein DDR-typischer „egalitärer Habitus” und
· ein innnerfamiliales „Tradierungsmilieu” für subtil rassistische Einstellungen.
Die Thematisierung der Fremdheitskonstruktionen könnte Gegenstand internationaler politischer Bildungsprojekte mit den östlichen Nachbarn werden.
Is there anything to the cliché of the xenophobic and violence-prone East German? More than many will like: Three modernization and informalisation defects more common to the society of the former GDR than to the Czech Republic or Poland make these defense mechanisms against foreigners more understandable: • a certain „intergenerational resistance to modernisation”, • a GDR-specific „egalitarian outlook” and • a continuation of subtly racist attitudes within families. The addressing of constructs of foreignness could become subject of international political educational projects with the eastern neighbours.
26 Abstract: Deutsch English
Der neue Rechtsanspruch auf Deutschunterricht – Klippen bei der Verwirklichung
Paleit, Dagmar
Die Umsetzung des Zuwanderungsgesetzes wird aus der Perspektive derjenigen beschrieben, die bisher maßgeblich mit dem Deutschunterricht für Ausländer zu tun hatten. Nach Ansicht des Sprachverbandes Deutsch e.V. in Mainz stehen bei den derzeitigen Planungen einem sinnvollen Sprachkurskonzept einige Hindernisse im Wege: Zuwanderer, die schon im Land leben, erhalten keine vergünstigten Angebote mehr; Kursangebote für Frauen mit Kindern können nicht mehr finanziert werden, ebensowenig spezielle Angebote für Jugendliche. Die Begrenzung des öffentlichen Gesamtbudgets für die Kurse dürfte zu Lasten ihrer Qualität gehen.
The implementation of the Law on Immigration (Zuwanderungsgesetz) is described from the perspective of institutions that up to now have dealt in an important way with German language courses for foreigners. According to the Sprachverband e.V. (German language association) in Mainz there are, at present, some obstacles blocking a reasonable planning of language instruction: Immigrants who already live in the countr y will no more be eligible for courses at reduced prices; courses for women with children cannot be financed any more; the same goes for specific offers for adolescents. The budget limitations for the courses will probably be at the expense of their quality.
28 Abstract: Deutsch English
Das strenge Gesicht von Frau Antje
Die Niederlande als Vorbild für hiesige Integrationskonzepte?
Berndt, Uwe
"Sprache, Sprache und nochmals Sprache" lautet das Motto niederländischer Integrationspolitik seit den 1990er Jahren. Das vorher praktizierte "Minderheitenmodell" hatte ausgedient, weil es die Kassen leerte und die Eigeninitiative der Minderheiten erlahmen ließ. Seit 1998 nun regelt das "Gesetz über Einbürgerung von Neuankömmlingen", mit welchem erwachsenenbildnerischen Programm Zuwandernde empfangen werden: Sprach- und Orientierungskurse, wie sie nun auch in Deutschland eingeführt werden. Aber das niederländische Modell ist nicht ohne Nachteile. Eine wenig maßgeschneiderte Unterrichtsqualität und hohe Abbrecherquoten trüben das Bild.
„Language, language and nothing but language” has been the motto of Dutch integration politics since the nineties. The „minority model” practised before had been put out of use because it emptied the cash boxes and tired out the intrinsic initiative of the minorities. Since 1998, the „Law on the Naturalization of Newcomers” regulates the educational programme for immigrants, namely, language and general orientation courses, as they are now being introduced in Germany as well. But the Dutch model is not without its disadvantages. Courses that are hardly „tailor-made” and a high drop-out rate are clouding the picture.
31 Abstract: Deutsch English
Probleme und Potenziale
Das Weiterbildungsangebot für Zugewanderte in Nordrhein-Westfalen
Hunke, Regina; Wohlfart, Ursula
Das nordrhein-westfälische Arbeitsministerium hat über das Landesinstitut für Qualifizierung in Soest untersuchen lassen, welcher Beitrag zur Integration eigentlich von der Weiterbildung des Landes zu erwarten sei. Die wichtigsten Ergebnisse der Studie "Der Beitrag der Weiterbildung bei der Integration von Zugewanderten" lesen sich als Mängelliste: zu wenig Daten, unüberschaubarer Anbietermarkt, eindimensionale Angebotsstruktur, zu wenig Vernetzung. Einzig Großunternehmen lassen eine Praxis erkennen, die in ihrer Vernetzung mit Bildungsanbietern wegweisende Züge trägt.
The Northrhine-Westphalian labour ministry, in a research project carried out by the Landesinstitut für Qualifikation (State’s Institute for Qualification) in Soest, investigated what possible contribution to immigrant integration might be expected from the State’s institutions of further education. The results, laid down in the study „The contribution of further education twoards the integration of immigrants”, look like a list of shortcomings: insufficient data, an unclear market structure, a unidimensional range of educational offers, insufficient interrelations between providers. Only large-scale enterprises seem to implement a practice of networking with education providers that may serve as a model.
33 Abstract: Deutsch
Die Zielgruppe als Expertin
Methodische Anforderungen an den Umgang mit dem Fremden
Drubig, Roland
Angebote für die spezielle Zielgruppe der Migranten wollen meist deren Defizite beheben helfen. Für Dr. Roland Drubig ist es dringend angezeigt, in der interkulturellen Bildung einen Wechsel des Blickwinkels zu vollziehen und die Zielgruppe als das zu betrachten, was sie ist: Expertin ihrer Situation.
35 Abstract: Deutsch English
Zuwanderung in den Pflegesektor – aus der Not eine Tugend machen
Zalucki, Michaela; Friebe, Jens
Die Altenpflege in Deutschland kann derzeit nur noch dank der Zuwanderung ausländischer Haushaltshilfen und ausländischer Fachkräfte gewährleistet werden, die nicht dem bundesdeutschen Berufsbild „Altenpfleger/in” entsprechen. Dies droht die Qualitätsstandards in der Pflege zu gefährden. Fortbildungen zugunsten einer interkulturellen Öffnung der Altenhilfe könnten einen Weg aus diesem Dilemma weisen: Ein Team, das sich aus Menschen verschiedener Herkunft zusammensetzt, kann sich mit entsprechenden Anstößen und kundiger Begleitung zu einem interkulturell kompetenten Team zu entwickeln.
Care of the elderly in Germany can nowadays be guaranteed only thanks to the immigration of foreign domestic help and of foreign staff who do, however, not conform to the German job description of „Altenpfleger/in” (specialist for old persons’ care). This tends to endanger high-quality standards in care. Further education courses directed towards an intercultural opening of old persons’ care could show a way from this dilemma: a team that consists of people from different origins can, with appropriate impulses and knowlegeable instruction, develop into an interculturally competent team.
38 Abstract: Deutsch
Rückblicke
Von der Gastarbeiterbetreuung zu Integrationskonzepten
Brüning, Gerhild
Historischer Längsschnitt zum Thema Zuwanderung von den 50-ger Jahren bis heute.
39 Abstract: Deutsch
Stichwort
Zuwanderung – Migration – Einwanderung – Integration
Farrokhzad, Schahrzad
Begriffsklärungen rund um das Thema Zuwanderung und eine Einschätzung der Bedeutung für die Erwachsenenbildung.
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Strukturen künftiger Migrationssozialarbeit
Bosswick, Wolfgang
Das Zuwanderungsgesetz macht eine Restrukturierung und Koordination bestehender Maßnahmen der Migrationssozialarbeit erforderlich. Wolfgang Bosswick trägt hierzu ein ganzes Maßnahmenbündel zusammen, in das Erkenntnisse zweier Gutachten eingeflossen sind, die er für die Zuwanderungskommission und das hessische Sozialministerium erstellt hat. Er empfiehlt eine ständige interministerielle Arbeitsgruppe Integration des Bundes und der Länder. Bestehende Segmentierungen sollen aufgehoben, Verfahren vereinfacht werden. Zur besseren Vernetzung sollen auf kommunaler Ebene Integrationsleitstellen eingerichtet werden. Die Migrationssozialarbeit wäre grundsätzlich zu differenzieren in Regel- Fach- und Spezialdienste.
Forum
42 Abstract: Deutsch
Lernkulturwandel als Änderung der Unternehmenskultur
Hilliger, Birgit; Jäger, Armin; Uhlmann, Michael
Die Autoren untersuchen die Konzepte, die hinter den Begriffen Lernkultur und Unternehmensstruktur jeweils stehen. Dies wird zum Ausgangspunkt für den Nachweis, dass Organisationsentwicklung und Lernkultur im Sinne einer zukunftsfähigen Weiterentwicklung von Organisationen aufeinander bezogen werden müssen.
44 Abstract: Deutsch
Höher, schneller, weiter in die Natur
Erlebnispädagogisches zum Konflikt von Sport und Naturschutz
Peuke, Rolf; Wolf, Gertrud
Seite und Sport in der Natur als Erlebnis- und Erholungswert auf der einen Seite. Seit Rio de Janairo vor 10 Jahren wird diese Diskussion vom Leitbild des Substainable Developments beeinflusst. Die Erlebnispädagogik muss wissenschaftliche Antworten zur Lösung dieser Konfrontation bieten.
Nachwörter